Wissenschaften

Fortsetzung eines Mammutprojektes

Der Metzler Verlag gibt seit 1982 die Reihe "Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur" heraus. Vier Bände sind bisher erschienen, beginnend mit der Erfindung des Buchdrucks (1440) bis zum Jahr 1850. Nun wird die Reihe mit einem neuen Band fortgesetzt, der sich mit dem Zeitraum von 1850 bis 1900 näher beschäftigt und alles Notwendige zur Erforschung der Literatur für Kinder und Jugendliche detailliert darstellt. Der Untersuchungszeitraum ist gewählt worden, da in dieser Zeitspanne die Kinder- und Jugendliteratur zu einem Teil der modernen 'Massenliteratur' wurde und von da an eher zur Unterhaltung und nicht mehr primär zur Belehrung diente.

Diese beiden Veränderungen werden in drei Abschnitten, in die das Buch gegliedert ist, erklärt. Die Einleitung beschäftigt sich mit den ökonomischen, kulturellen, pädagogischen, sozialen und politischen Dimensionen der Kinder- und Jugendliteratur, die anhand des Gesellschaftswandels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschrieben werden. Der darstellende Teil hingegen präsentiert die damalige Literatur mittels der drei Hauptgattungen Lyrik, Dramatik und Prosa und bietet Interpretationen ausgewählter Werke. Anschließend folgt ein ausführlicher bibliographischer Teil, der 1000 ausgewählte Titel aus einem Gesamtkorpus von über 25 000 Titeln beinhaltet.

Zu Beginn zeigt sich, dass die Kinder- und Jugendliteratur eine eigenständige Stellung einnimmt und sich als Konsequenz daraus ein breites Spektrum unterschiedlicher Gattungen und Genres herausbildet, wie man als Leser im anschließenden darstellenden Teil bemerken wird. Die industrielle Revolution bewirkt zunächst, dass Literatur als Ware betrachtet wird, die gekauft und somit verbreitet wird. Unterstützende Wirkung hat die Einführung der Schulpflicht und die damit einhergehende Alphabetisierung. Auf diese Weise kann eine eigene Lesekultur aufgebaut werden, die zwischen Kindern und Jugendlichen sowie Mädchen und Jungen unterscheidet. Hervorzuheben ist an dieser Stelle die Literatur als Medium der politischen Meinungs- und Identitätsbildung.

Nach diesen einführenden Kapiteln erfolgt der darstellende Teil, der in sieben Gattungen gegliedert ist: Bilderbücher und  -geschichten, Lyrik, Theater, erzählende Literatur, religiöse Schriften, sachlich belehrende und Rat gebende Literatur sowie letztlich die periodischen Publikationsformen wie Zeitschriften, Jahrbücher und Kalender. Es werden nicht nur Werke aus dem deutschsprachigen Kulturraum besprochen, sondern auch Bearbeitungen französischer und englischer Originale - man denke nur an "Onkel Toms Hütte", die weitreichende Auswirkungen hatten. Eingeleitet werden die Überblicksartikel mit einem oder mehreren einführenden Kapiteln, die die Wissensgrundlagen legen. Es werden nicht nur Werke oder Autoren der entsprechenden Gattungen erwähnt, sondern viel Wissenswertes vermittelt. Ergänzt werden die Artikel durch Profile, die spezifische Werke, Autoren, Verlage und Themen detaillierter vorstellen. Zu nennen sind u. a. Wilhelm Busch ("Max und Moritz"), Johanna Spyri ("Heidi"), Emmy von Rhoden ("Der Trotzkopf") und Karl May bei den Autoren- und Werkprofilen sowie Velhagen und Klasing, der Thienemann Verlag und Hirt bei den Verlagsprofilen. In diesen Teilen sind die Auswirkungen auf die spätere Kinder- und Jugendliteratur deutlich zu erkennen. So begeistert "Der Baron Münchhausen" bis heute die Kinder mit seinen Lügengeschichten.

Der bibliographische Teil rundet das Buch ab. Die Auswahl aus 25 000 Titeln war sicherlich schwer zu treffen, es lohnt sich aber auf jeden Fall, die 1000 aufgelisteten Titel näher zu betrachten. Zum einen bieten sie ein Lebensbild der damaligen Zeit, zum anderen haben sie aber auch Unterhaltungswert für heutige Rezipienten.

Das "Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Von 1850 bis 1900" ist ein sehr gewichtiges Werk, das keine Aspekte der damaligen Zeit auslässt. Die literarischen Werke werden somit in ihren sozialen und kulturellen Kontext gestellt. Auf diese Weise erhält man einen Gesamtüberblick. Da die Schrift relativ klein und eine Seite in zwei Spalten gegliedert ist, sind die vielen Informationen auf nicht einmal 900 Seiten zusammengefasst. Das Buch an sich enthält wenige Illustrationen, aber als Zusatzmaterial ist eine CD-Rom beigelegt, die 780 Bilder beinhaltet. Dieser Band rundet die "Handbuch"-Reihe ab und zeigt, dass innerhalb weniger Jahre starke Veränderungen stattfinden können. Das Werk ist mit seinem Preis von 299,95 Euro in einer eher hohen Preiskategorie angesiedelt. Für all diejenigen, die sich umfassender mit diesem Thema beschäftigen wollen, sei es im Rahmen einer Doktorarbeit und einer späteren Spezialisierung bei der Arbeit, ist er aber gerechtfertigt. Für diejenigen, die sich allerdings nur einen kurzen Überblick beschaffen möchten, lohnen sich besser die "Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur" und die allumfassende "Deutsche Literaturgeschichte", die gleichfalls bei Metzler erschienen sind.

Susann Fleischer
06.04.2009

 
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Das Buch:

Otto Brunken, Bettina Hurrelmann, Maria Michels-Kohlhage, Gisela Wilkending (Hg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Von 1850 bis 1900

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Stuttgart: J.B. Metzler Verlag 2008
876 S., 299,95
ISBN: 978-3-476-01687-4

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