Wissenschaften

Vom Anfang und Wesen der Wissenschaft

Carlo Rovelli setzt der griechischen Antike ein Denkmal: als Geburtsstunde der modernen Wissenschaft. Was als sorgsame Biographie des Forschers Anaximander beginnt, entwickelt sich gleichsam zu einer Biographie der Wissenschaft selbst und den großen Fragen, mit der sie sich beschäftigt. Rovelli beschreibt Anaximander von Milet als Urvater der Wissenschaft und verfolgt seinen Einfluss auf die folgende Geschichte der Naturwissenschaft. Zu erfahren gibt es hier jede Menge Interessantes, in insgesamt zwölf Kapiteln. Das Ergebnis: "Die Geburt der Wissenschaft - Anaximander und sein Erbe" ist ein Sachbuch, das voller "Aha!"- und mindestens genauso vielen "Oho!"-Momenten steckt und mit diesen den Leser zum Staunen bringt. Da kann nicht einmal der beste und tollste Schulunterricht der Welt auch nur im Ansatz mithalten!

Anaximander lebte vor 2600 Jahren, im 6. Jahrhundert v.Chr. in Milet, er war Zeitgenosse von Thales und der Lehrer von Pythagoras. Anaximander leistete Bedeutendes, gilt zu Recht als erster europäischer Naturwissenschaftler. Er war der erste Astronom, der die Bewegung der Gestirne rational studiert und versuchte, sie in einem geometrischen Modell wiederzugeben. Auch war er der erste, von den man weiß, dass er die Erde in Bewegung durch den Raum begriff. Von ihm ging die Bezeichnung der Welt als Kosmos und ihre Erfassung als ein planvoll geordnetes Ganzes aus und damit die Idee, dass die Welt auch ohne Rückgriff auf Götter verständlich und erklärbar ist - eine Revolution des Denkens. Anaximander entwarf das Programm, aus dem sich bis heute der westliche Wissenschaftsansatz entwickelt.

Sachliteratur mit absolutem "Wow!"-Effekt - es gibt nicht viele Bücher mit dem Infogehalt von Carlo Rovellis Werken. In "Die Geburt der Wissenschaft - Anaximander und sein Erbe" reflektiert er über das Verhältnis des Sichtbaren und Unsichtbaren, die Naturgesetze, Wahrheit und Wirklichkeit - und darüber, was überhaupt Wissenschaft ist, ihre Möglichkeiten und Grenzen und was sie für ihn selbst bedeutet. Um die Welt zu verstehen, ist es möglich und notwendig zu erkennen, dass unser Bild der Welt falsch sein kann und dass wir es korrigieren können. Eine wichtige Erkenntnis, die Rovelli dem Leser hier näherbringt. Er teilt sein Wissen mit uns Laien, schafft es, uns für (Natur-)Wissenschaft zu faszinieren, sogar restlos zu begeistern. Ähnliches können nur die wenigsten Autoren von sich behaupten, geschafft zu haben!

Carlo Rovelli, Professor für Theoretische Physik an der Universität Marseille, leistete wesentliche Beiträge auf dem Gebiet der Schleifenquantengravitation, seine Monographie "Covariant Loop Quantum Gravity" gilt heute bereits als Standardwerk. Einem breiteren Publikum in Deutschland wurde er durch seine allgemein verständlichen Schriften wie "Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint" und " Die Ordnung der Zeit" bekannt. Mit seinen Theorien, stieß der Autor wiederholt an die Grenzen des Bekannten. Das wagt er auch mit "Die Geburt der Wissenschaft", in dem die Leistungen des vorsokratischen griechischen Philosophen Anaximander beleuchtet; unterhaltsam, aufschlussreich und echt fesselnd.

Susann Fleischer 
16.01.2023

 
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Das Buch:

Carlo Rovelli: Die Geburt der Wissenschaft - Anaximander und sein Erbe. Aus dem Franzsischen von Monika Niehaus

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Hamburg: Rowohlt Verlag 2019 232 S., 22,00 ISBN: 978-3-498-05398-7

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