Hrbcher

Die Kuhns - ein deutsches Schicksal

In den dreißiger Jahren lebten die Familien Kuhn und Martens in Kassel ein beschauliches Leben. Doch mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten gerät der Unternehmer Gerhard Kuhn ob seiner kritischen Aussagen gegenüber dem Regime immer mehr in die Bredouille. Er wird ins Gefängnis gesteckt, der Firmenbesitz wird enteignet, so dass seine Frau und die beiden Kinder Adele und Albert vor dem Nichts stehen. Wäre da nicht die seinerzeit unangemessene Liebe von Albert zu Richard, dem Sohn der Familie Martens. Während die Eltern ins benachbarte Frankreich fliehen, bleiben Albert und Adele in Deutschland. Doch die verbotene Beziehung zwischen den beiden Jungen fliegt auf. Richard kommt dank seines einflussreichen Vaters halbwegs glimpflich davon, ganz anders als Albert, der zunächst im Gefängnis landet, bevor er schließlich fliehen kann und sich in einer Waldhütte versteckt halten muss.

An dieser Stelle verlieren sich die Spuren der Mitglieder der Familie Kuhn, bis zur Jahrtausendwende, als in einem Kasseler Café eine scheinbar verwirrte ältere Dame einen Stapel Unterlagen anschleppt und diesen Cara Russo, einer Anwältin, auf den Tisch legt. Diese ist völlig perplex, da die Alte klammheimlich verschwindet und sie mit einem kryptisch formulierten Auftrag und den vergilbten Dokumenten alleine zurücklässt. Doch Caras Spürsinn ist geweckt, erst recht als sie sich eingelesen hat und erste "Ermittlungserfolge" feiern kann. Zum einen sind da die losen Enden bezüglich des Verbleibs von Gerhard Kuhn und seinen beiden Kindern, zum anderen gibt es einen sehr suspekten Kaufvertrag für die Kuhn-Villa mit Rückkaufsklausel. Gerhard Kuhn hatte sein Haus nämlich kurz vor seiner Flucht nach Frankreich der befreundeten Familie Martens vermacht, für einen lächerlichen Betrag, jedoch mit der Option, das Haus nach seiner Rückkehr zu gleichen Konditionen zurückerwerben zu können.

"Feldpost" lautet der Titel des neuen Buches von Mechtild Borrmann, bezugnehmend auf die vielen Briefe, die sich im Dokumentenstapel der alten Frau befanden und über ein halbes Jahrhundert später von Cara Russo studiert werden. Dieser Roman über eine verbotene Liebe und eine zerrissene Familie reiht sich ein Borrmanns erfolgreiche Bücher "Trümmerkind" und "Grenzgänger" aus den Jahren 2016 und 2018, in denen sie sich in ähnlicher Machart Vorkommnissen rund um den Zweiten Weltkrieg nähert und eine Brücke in die Gegenwart schlägt. Allerdings muss sie aufgrund der immer größer werdenden zeitlichen Distanz zum Unrechtsregime der Nationalsozialisten hier schon einen Kunstgriff anwenden, indem sie die "Gegenwartsebene" in den Jahren 2000 und 2001 allokiert.

Parallel zur Buchausgabe ist das vorliegende Hörbuch beim Argon Verlag erschienen. Da die gedruckte Version mit rund 300 Seiten nicht unbedingt sehr mächtig dahergekommen ist, stand einer ungekürzten Hörbuchausgabe mit moderater Laufzeit nichts im Wege. Herausgekommen ist dabei eine Lesung über gut siebeneinhalb Stunden. Mit der Stimme von Viel-Leserin Vera Teltz vergeht diese wie im Fluge. Gekonnt und einfühlsam trägt sie die teilweise sehr ergreifenden und betroffen machenden Passagen aus den unterschiedlichen Zeitebenen vor. Gerade bei einem Hörbuch wie diesem mit vielen Perspektiv- und Zeitwechseln helfen einem die jedem Kapitel vorangestellten expliziten Nennungen von Zeit und handelnden Personen sehr.

Mechtild Borrmann ist mit "Feldpost" wieder ein grundsolides Werk gelungen, in dem sie basierend auf einer eigenen Erfahrung und weiteren intensiven Recherchen eine Geschichte komponiert hat, die sich so oder in leicht abgewandelter Form wahrscheinlich seinerzeit zugetragen hat oder zumindest zugetragen haben könnte. Die Autorin ist bekannt für ihren geradeausgerichteten Stil, der wenig mäandert oder lange Anlauf nimmt. Sie kommt stets direkt auf den Punkt und führt niemals unnötige Handlungsstränge ein. In "Feldpost" hat sie jedoch einige so interessante Charaktere geschaffen, die sicherlich noch die eine oder andere Vertiefung hätten vertragen können. Dennoch bleibt dieses Hörbuch wegen seiner dramatischen Vorgänge garantiert länger im Kopf der Hörer haften als so manche literarisch wertvolle Charakterstudie.

Christoph Mahnel 
23.01.2023

 
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Das Buch:

Mechtild Borrmann: Feldpost

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Sprecherin: Vera Teltz Berlin: Argon Verlag 2022 Spielzeit: 466 Min., 20,00 ISBN: 978-3-8398-1992-0

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