Romane

Manchmal Mrchen

Ist´s ein Märchen? Es war einmal ein Mann, der hörte dreißig Jahre kein Sterbenswort von seinem Freund, an den er jeden Tag dachte. Der so Geplagte hält die Zeit an, als er zwei Tage zögert, einen Brief zu öffnen, den der unvergeßliche Unvergessene an ihn adressiert hat. Zwei Tage Zeit anzuhalten heißt, sich vergangener Tage zu erinnern. Tage des ersten Begegnens, der Annäherung, der Gemeinsamkeiten, des Abschieds. Tage, die für Erneste und Jakob entscheidende, lebensbestimmende Tage waren. Die Geschichte der Begegnung und Beziehung der beiden jungen Männer ist die Geschichte einer Liebe. Also ist der Roman „Der perfekte Kellner“, den Alan Claude Sulzer schrieb, nicht mehr, nicht weniger als eine Liebesgeschichte. Darum viel Aufhebens machen? Zumal die Liebe zweier Männer ohnehin heute keine philisterhafte Empörung mehr auslöst.

Das Märchenhafte der ungewöhnlichen Geschichte ist die unverbrüchliche Liebe, die nicht gelebt wird. Aber ist das keine Liebe? Was ist Liebe? Wie muß Liebe sein, um das zu sein, was gemeinhin Liebe genannt wird? Ist Liebe unerfülltes Begehren? Also die Liebe, die Erneste erfüllt? Ist Liebe erfüllte Begierde? Also die Liebe, die Jakob lebt? Jakob, der Ideal-Jung-Schöne, der Geliebte „dreier Männer und vieler anderer Männer“, wie das Fazit des Autors lautet? Sulzer erzählt nicht die Geschichte des Jakob. Der Typ ist die Projektions-Reflektionsfläche des Kellners Erneste. Der ist sicher, „daß seine Person nicht einmal zur Nebenfigur eines Romans taugt“, wie es im Roman heißt. Erneste taugt zur Hauptfigur und ist die hauptsächliche Figur, die ebenso eher für Typisches denn individuelles steht wie Jakob. Wie jede Figur des Romans. Wie der historische Hintergrund. Also die Zeit der Jahre 1936 und 1966. Dem 1953 geborenen Sulzer ist die Historie Leseerfahrung, die der individuellen, detaillierten Schilderung von Personen wie Geschichten wenig nützt. Der Schriftsteller weiß, daß der Erzähler ein Aufsammler und Aufzeiger von Details ist und nimmt als Prosaist doch die Position des Aufzeichners des Allgemeinen ein. Das verlangt selten Dialoge und gute, offenbar, sowieso nicht. Statt ein erklärter Erzähler, sprich Darsteller von Details, ist Sulzer ein assoziationsreicher Beschreiber verwickelter, verzwickter, verwirrender Männerbeziehungen. Eher erzählter Bericht, ist der Roman in manchem so märchenhaft konstruiert, daß die Konstruktion einige Stunden angestaunt werden kann. Vielleicht nur deshalb, weil man glauben möchte, daß Märchen das bessere Leben sind, selbst wenn die Märchen bös-traurig enden. Dorian Gray läßt grüßen: Selbst der schönste Schein verfällt!

Bernd Heimberger
27.02.2006

 
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Das Buch:

Alain Claude Sulzer: Ein perfekter Kellner

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Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2006
215 S., 8,00
ISBN: 3-518-45741-1

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