Romane

Ma der Momente

Daß der Chef des Hauses sich nicht die Chance nehmen läßt, selbst der Übersetzer zu sein, ist wahrlich kein Novum der Verlagsgeschichte. Der Verleger als Übersetzer hat besondere Verantwortung. Die riskiert nur, wer sich seiner Verantwortung sicher ist. Joachim Unseld, Hausherr der Frankfurter Verlagsanstalt, macht als verantwortungsvoller, risikobereiter Verleger eine ausgezeichnete Figur. Er hat Jean-Philippe Toussaints novellistischen Roman "Der Photoapparat" aus dem Französischen ins Deutsche geholt. Spürbar, lesbar ist die Lust des Übersetzers, auf dem schwierigen Weg des Übersetzens, nichts, aber auch gar nichts vom Rhythmus der Prosa des französischen Autors zu verlieren. Mit "Der Photograph" haben die deutschsprachigen Leser einen Roman in der Hand und vor Augen, der den Rhythmus des Originals hat. Das ist so selbstverständlich nicht. Erstens, weil Toussaint ein selten stilsicherer Rhythmiker der Prosa ist. Zweitens, weil es noch seltener ist, den Rhythmus in einer anderen Sprache zu wahren. Unselds Übersetzung von Toussaints "Der Photograph" wird die Neugier der Leser an dem Franzosen weiter steigern.

Toussaint ist ein Meister der schönen, starken Zwischensätze, die er braucht, um die schönen, starken Zwischentöne seiner Texte wahrnehmbar zu machen. Immer wieder dem Lauf der Gedanken hingegeben, verlangsamt Toussaint das Tempo des beschleunigten Lebens. Deshalb wird die Liebesgeschichte, die der namenlose Ich-Erzähler in "Der Photograph" zum besten gibt, eine liebenswerte Geschichte. Dem allgemeinen Tempo der Tage das Tempo zu nehmen bedeutet, Besinnlichkeit, Beschaulichkeit zum Maßstab des Lebens zu machen. Ist das so, wird das Streben nicht so eilig-eifrig strebsam betrieben. Ob der Ich-Erzähler also die Voraussetzungen für den Erwerb eines Führerscheins erfüllt wird unwichtig. Wichtig wird, wie unauffälliges, beharrliches, stilles Werben eine Liebesbeziehung ermöglicht. Eine Beziehung, die das Jetzt lobt und die Verläßlichkeit, die im Moment ist. Für Toussaint zählen die Situationen und Stimmungen des Moments, die bestimmen wie und was die Liebe ist. Groß, wie die kleinen Momente der Liebe in Jean-Philippe Toussaints Roman "Der Photograph" Bedeutung gewinnen.

Bernd Heimberger
10.10.2005

 
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Das Buch:

Jean-Philippe Toussaint: Der Photoapparat. Aus dem Frz. von Joachim Unseld

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Frankfurt/M.: Frankfurter Verlagsanstalt 2005
122 S., 15,90
ISBN: 3-6270-0128-1

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