Romane

Der Berg ruft!

Die tragische Geschichte des englischen Bergsteigers George Mallory ist auch außerhalb der Alpinisten-Szene einem breiten Publikum bekannt: Gemeinsam mit seinem Begleiter Andrew Irvine nahm er im Juni 1924 die Besteigung des bis dahin noch unbezwungenen Mount Everest in Angriff. Bis heute wird darüber spekuliert, ob die beiden als erste Menschen auf dem höchsten Berg der Erde standen. Zumindest kamen sie nicht wieder heil herunter, was ein entscheidendes Kriterium für eine erfolgreiche Besteigung ist. Knapp 29 Jahre später sollte Sir Edmund Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest gelingen. Mallorys Leichnam wurde gar erst ein Dreivierteljahrhundert später geborgen.

Die gescheiterte Mallory-Expedition hat Dan Simmons für seinen neuesten Roman "Der Berg" als Aufhänger genommen, zumindest wenn man dem etwas reißerisch gestalteten Klappentext Glauben schenken darf. Simmons ist als sehr kreativer Vielschreiber und Wandler zwischen den verschiedenen Genres bekannt und geschätzt. Mit seinen beiden Zyklen "Hyperion" und "Endymion" hat der 1948 geborene Amerikaner Maßstäbe in der Unterhaltungsliteratur gesetzt. Der vorliegende Roman ähnelt stark seinem vorletzten Werk "Terror", in dem er auf knapp tausend Seiten aus der Geschichte der Franklin-Expedition durch die Arktis im Jahre 1845 ein historisches Epos geschaffen hat. Mit mehr als 750 Seiten wagt er sich nicht nur größenordnungsmäßig in "Der Berg" auf ähnliches Eis.

Die Handlung setzt ein im Jahre 1925, also ein Jahr nach der gescheiterten Everest-Expedition Mallorys. Die drei Bergsteiger Jake Perry, Jean-Claude Clairoux und Richard Deacon sollen den Leichnam des am Everest verschollenen Percy Bromley ausfindig machen. Sie bereiten ihre Tour sehr gewissenhaft vor und begeben sich auf die Suche nach dem verunglückten Bergsteiger. Jedoch hat ihr Auftrag eine noch gewichtigere Komponente, die schlussendlich dazu führt, dass es auf mehr als 8.000 Meter Höhe zu einem Showdown mit englischen Spionen und einer Horde Nazis kommt.

Simmons brilliert mit seiner sehr intensiven und plastischen Darstellung der Vorbereitungen auf die anstehende Expedition. Der Leser wird hineingezogen in das Faszinosum des Bergsteigens und bekommt eine sehr deutliche Vorstellung von den Vorgängen am Berg. Man atmet förmlich die immer dünner werdende Luft mit ein und scheint die Kälte des Himalaya-Gebirges auf der eigenen Haut zu spüren. Hier ist Simmons in seinem Element und hat den Leser bereits gepackt und in das Abenteuer absorbiert.

Mit einem eleganten Kunstgriff packt Simmons die gesamte Geschichte in eine Rahmenhandlung, die manchen Leser zunächst verwirren mag. Simmons berichtet in der Einführung davon, dass er im Rahmen eines Interviews mit Jake Perry zu seinem Vorgängerbuch "Terror" von diesem auf die Vorgänge am Everest im Jahre 1925 aufmerksam gemacht wurde. Perry versprach ihm die Übersendung der Unterlagen. Simmons habe diese für das vorliegende Buch angeblich nur redaktionell überarbeitet. Es scheint eines der Spielchen zu sein, die Simmons gerne mit seinen Lesern treibt, denn sämtliche Personen in "Der Berg" sind fiktiver Natur.

Wer sich bisher schon von Simmons‘ Romanen in den Bann ziehen ließ, wird von "Der Berg" natürlich ebenfalls hellauf begeistert sein. Wer sich als Simmons-Novize an dieses Buch heranwagt, muss ähnlich wie die Bergsteiger einigen Atem sowie Stehvermögen mitbringen und sich einlassen wollen auf ein Leseabenteuer der besonderen Art. Um die klirrende Kälte, die dem Buch zu entfahren scheint, zu kompensieren und um den stattlichen Umfang des Buchs bewältigen zu können, ist "Der Berg" eine herausragende Empfehlung für lange Strandtage im gerade anstehenden Sommerurlaub.

Christoph Mahnel
04.08.2014

 
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Das Buch:

Dan Simmons: Der Berg

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Mnchen: Heyne Verlag 2014
768 S., 24,99
ISBN 978-3-453-26896-8

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