Romane

Einen Klassiker neu entdecken

Am 15. November 2010 jährte sich zum inzwischen 100. Mal der Todestag des deutschen Schriftstellers Wilhelm Raabe, dessen Bekanntheitsgrad in erster Linie auf seinen gesellschaftskritischen Erzählungen, Novellen und Romane beruht. Sein Alterswerk "Stopfkuchen" (erschienen 1891) gilt als sein bestes Buch, das damals für begeisterte Leser sorgte, heute allerdings leider in der Versenkung verschwunden ist. Umso mehr freut es einen, dass dtv diesem Roman eine neue Chance gibt und als postumes Andenken in der Erfolgsbuchreihe "Bibliothek der Erstausgaben" herausgibt.

"Stopfkuchen" ist die Geschichte von Eduard, der nach Jahren in der Ferne seine Heimat aufsucht, wo er vom Tod seines ehemaligen guten Freundes, dem Landpostboten Störzer, erfährt. Außerdem erweist sich die Rückkehr in die heimischen Gefilde zugleich als Reise in die eigene Vergangenheit, in der sich neue Sichtweisen und "Wahrheiten" eröffnen. So begegnet er nach Jahren seinem Klassenkameraden Heinrich Schaumann, von allen nur "Stopfkuchen" genannt, wieder. Schon damals war dieser von der roten Schanze fasziniert. Dort lebte der Bauer Andreas Quakatz, der von jedermann verdächtigt wurde, den Viehhändler Kienbaum erschlagen zu haben. Aufgrund der Gerüchte, die selbst Jahrzehnte später nicht verstummen wollen, nahmen er und seine Tochter Valentine mit einem Leben in Abgeschiedenheit vorlieb. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Stopfkuchen und Valentine sich langsam näher kommen und sich zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft entwickelt.

Für Eduard ist die Überraschung groß, als er erfährt, dass Stopfkuchen sein Studium abgebrochen hat und zur roten Schanze zurückgekehrt ist, um dort seine Jugendfreundin Valentine zu heiraten - ein Glücksfall für den alten Bauern Quakatz, der ihn mit der Dorfgemeinde versöhnt. Seitdem Stopfkuchen die Verwaltungsarbeiten in der roten Schanze aufs Beste erledigt und zu seiner Hochzeit sämtliche Dorfbewohner eingeladen waren, ist das Misstrauen gegenüber der roten Schanze und seines Vorbesitzers deutlich umgeschlagen. Der deutlichste Beweis für diesen Sinneswandel ist Quakatz´ Beerdigung, zu der sich die ganze Stadt eingefunden hat. Eduards Besuch gibt Stopfkuchen nun die Möglichkeit, um die Wahrheit über Kienbaums Tod offenzulegen. Dieses Geständnis erschüttert Eduard in solchem Maße, dass er auf seiner Rückfahrt alles niederzuschreiben beginnt.

In einer Zeit, in der romantische Fantasy-Geschichten und explosive Thriller hoch im Kurs ihrer jungen und älteren Leser stehen, geraten "altehrwürdige" Autoren oftmals in den Hintergrund und im Laufe der Jahre (und Jahrzehnte) in Vergessenheit - obwohl ihre Werke durchaus mit denen heutiger Bestsellerautoren mithalten können. Umso erfreulicher ist es zu sehen, dass in der "Bibliothek der Erstausgaben" von dtv Büchern wie Wilhelm Raabes "Stopfkuchen" die Möglichkeit gegeben wird, auch von jüngeren Generationen entdeckt zu werden. Schließlich zeigt sich anhand dieses Romans, dass die Literatur auch vor über einem Jahrhundert für Unterhaltung auf hohem Niveau sorgte - und bis in die heutige Zeit garantiert.

Susann Fleischer
22.11.2010

 
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Das Buch:

Joseph Kiermeier-Debre (Hg.): Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte

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Mnchen: dtv 2010
336 S., 8,95
ISBN: 978-3-423-02685-7

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