Romane

Herbe Herzlichkeit

So schnell kommen Bücher üblicherweise nicht ins Deutsche! Vor Monaten erschien im Londoner Verlag Faber & Faber "Ich, John", der erste Roman des Dubliners Peter Murphy. Wer ist Murphy, der als Musikjournalist vorgestellt wird? Was ist das Besondere seines Buches? "Fünfzehnjährige Jungs bestehen normalerweise aus wenig mehr als Ellenbogen, großer Klappe und schlechter Laune, und ich war keine Ausnahme". Soweit der redliche, wenig rege Ich-Erzähler zu Beginn des Buches. Wahrlich nicht das, was etwas Überraschendes, Unverwechselbares, Faszinierendes und somit Fesselndes erwarten lässt. Die Geschichten des 15- oder 16-jährigen John Devine sind profane Alltags-Provinz-Geschichten europäischer Art. Der Autor ist unentwegt bemüht, das Alltägliche ins Unalltägliche zu übersetzen. Das bedeutet, aus dem banalen Stoff einen literarischen zu machen.

Da einiges an den ebenfalls bei Suhrkamp veröffentlichten Roman "Der karibische Dämon" des karibisch-kanadischen Schriftstellers David Chariandy erinnert, fällt Murphy im Vergleich schnell hinter Chariandy zurück. Die Stimmigkeit des vielstimmigen Chores, den der Ire dirigiert, ist nicht stimmig genug. So respektabel die schlichte Erzählweise des Ich-Erzählers wesentlich für die gute Unterhaltung, die der Roman garantiert, sind die Kurzgeschichten des Jamey Carboy. Ein Jahr älter als John, schreibt der frühreif Reife nicht nur erstaunlich talentierte Geschichten. Er schreibt dem Jüngeren Briefe. Sie haben einen höheren pädagogischen Wert als die gutgemeinten Bibelsprüche von Johns Mutter. Die Briefe und Geschichten von Jamey sind unaufdringliche Lebenslektionen eines Unkonventionellen. Sie sind der Ausdruck einer gewünschten Freundschaft, die die Substanz hat, eine Freundschaft für´s Leben zu werden. Wenn John das nur begreifen würde. Er ahnt, er weiß nicht wirklich, was die Begegnung mit Jamey für ihn tatsächlich bedeutet. Im Moment der Bewährung versagt John und verrät die Freundschaft, ohne von Jamey zurückgewiesen zu werden.

So wenig "Ich, John" ein Jungen-Jugend-Roman ist, so wenig ist er der Roman einer Freundschaft. Mehr betont, bestimmt und bestimmend ist etwas Anderes wichtiger als die Begegnung der Jugendlichen. Es ist die Beziehung zwischen Lily und John. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Die ist so herb wie sie in ihrer Herbheit herzlich ist. Es ist die Beziehung einer wachsenden und wechselnden Zuwendung zueinander (auch das erinnert an "Der karibische Dämon").

In der Freundschaft ein Versagender, ist John für die todkranke Mutter ein Verlässlich-Verantwortlicher. Die Liebe der Mutter zu dem Jungen, die Mutterliebe des Heranwachsenden wird auf eine spröde, schöne Weise erzählt und macht das Buch zu einem besonderen Buch. Am konsequentesten, beeindruckendsten, berührendsten ist die Mutter-Sohn-Beziehung. "Ich, John" ist eine Hommage an die Mutter an sich. Ist eine Hommage an den einfachen, gottgläubigen Menschen in der Wirklichkeit der irischen Welt. Das beachtet, setzt Peter Murphy mit "Ich, John" die Reihe der Bücher fort, die die Mutter nicht als Heilige, sondern als lebensprägende Persönlichkeit porträtiert. Etwas, was in der irischen Literatur weniger selten ist als in anderen Literaturen.

Bernd Heimberger
07.09.2009

 
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Das Buch:

Peter Murphy: Ich, John. Aus dem Englischen von Karsten Kredel

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Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009
271 S., 13,90
ISBN: 978-3-518-46109-9

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