Romane

Auch Despoten waren mal Kinder, die sich nach Liebe gesehnt haben

"Was wäre der Welt an Leid, Angst, Zerstörung und Tod erspart geblieben, wenn Viktor in einer seelengesunden, einfach nur liebevollen Familienwelt, behütet hätte aufwachsen können - frei von jeglichen Verletzungen seiner Kinderseele durch Mutter, Schwester oder Tante, frei von aller Schmach, frei von Rachegefühlen." Dieses Resümee, nach Jahrzehnten der Nähe zu ihm, zieht Benni, Hauptfigur und Beobachter, über Viktor, der sich als despotischer Herrscher über das "fiktive" große östliche Imperium heraufgeschwungen hat.

Mit einem nicht enden wollenden, brutalen Eroberungskrieg gegen das "Brudervolk" im Westen, in der Mitte von Europa, hat er Jahre des Leids über die Bevölkerung gebracht. Mit politischem und opportunistischem Kalkül hat er Gegner und Menschen aus dem Weg räumen lassen, die ihm seiner Meinung nach geschadet haben. Von Größenwahn und Angst vor Demütigung und Versagen getrieben, scheint es kein Zurück zu geben, keinen Ausweg, das Gesicht zu wahren, ohne das volle Arsenal aller verfügbaren Vernichtungswaffen einzusetzen.

Doch auch Viktor war einmal ein Kind. Ein Kind, das Kränkungen und die fehlende Liebe der Mutter nie verarbeiten konnte, und seine Allmachtsphantasien nun in einer Politik der Zerstörung und Unterdrückung kanalisiert. Das weiß Benni, den wir über Jahrzehnte als guten Freund der Familie und außenstehenden Beobachter begleiten. Als einer seiner längsten Weggefährten versucht Benni am Ende immer noch, das Menschliche und Empathische in Viktor zu finden, zu ihm durchzudringen und ihn zu einem Ende des Schreckens zu bewegen.

Das "große östliche Imperium" und der "Krieg gegen das Brudervolk im Westen" sind natürlich eine nur eine seicht getarnte Metapher für die aktuelle Lage des sich seit fast zwei Jahren hinstreckenden Ukraine-Krieges. Aber mit welcher Wucht Otto Kelling einem so sehr durchanalysiertem und beleuchteten Thema noch neue Facetten abgewinnen kann, die wirklich was zu sagen haben - das verdient Respekt und Anerkennung.

Man erkennt schließlich bei der Lektüre, dass man sonst immer nur das Strategisch-Politische wahrnimmt, die Motive immer im Jetzt sucht, und das ist auch sicher nicht falsch - aber die Erkenntnis, dass ein Mensch, egal was ihn antreibt und wie schlimm er sich verhält, am Ende irgendwann auch mal nur ein Kind gewesen ist, das sich nach Liebe sehnt: Das ist die große Lehre, die man aus der Lektüre des Buches zieht, und das wirkt noch lange nach.

Thomas George 
18.03.2024

 
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Das Buch:

Otto Kelling: Lupus est. Des Schicksals Zeitenwende

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Offenbach: August von Goethe Literaturverlag 2024 316 S., 22,80 ISBN: 978-3-8372-2740-6

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