Gedichtbnde

Auf der Suche nach den festen Werten

Es ist kein leichtfüßiger Spaziergang über die Oberflächen des Lebens, was uns Wendelin Schlosser in seinem 138-seitigen Buch anbietet. "Das Leben hat einen tiefen Sinn" ist eine Sammlung von Gedichten, die einen bewusst reflektierenden Menschen als Leser voraussetzen. Und das bedeutet unter anderem Zugang zu Fragen der Gläubigkeit. Denn so endet auch das Titelgedicht: "Nur mit Gott hat das Leben einen Sinn!" Manches Stück ist wohl auch als Gebet gedacht.

Schlosser ist kein Alleserklärer. So liest man unter anderem auch den Ausspruch: "Ich kann es leider nicht verstehen." Oder die Beschreibung der Rätsel in der Zauberei. Das offenbart die Redlichkeit des Autors mit sich selbst. Manches wird auch nur gesprächsweise angedacht, wie im Gedicht "Dialog", der an die große Tradition des sokratischen Fragens erinnert und die Antworten nicht als Wissen abfragt, sondern als fortlaufendes Erkennen.

Daraus ergibt sich die Zuversicht, die im Buch nicht zu überhören ist: "Ein Kloster hat mich aufgefangen, Gott erhörte meine Klage." Oder: "Der Himmel fängt an, wo gute Menschen sind." Das überbrückt die Zeiten des empfundenen Elends, wie sie etwa im Gedicht "Depression" zum Ausdruck kommen. Wir müssten unseren Kopf "befreien von dem Mist". Wir müssten Halt machen und die höhere Gewalt anerkennen. Da gibt es aber auch indirekte Ermahnungen, wie wir sie etwa aus dem pointierten Gedicht über die "zwei Arbeitgeber" herauslesen können.

Vieles ist Klage, etwa über die Moral auf dem Abstellgleis oder über die Situation der Kirche. Noch deutlicher rückt das Beklagen über unseren Umgang mit der Schöpfung in den Vordergrund: "Vergiftet ist die ganze Welt". Der Tod als "Produkt der Gier", vor allem der Gier nach Geld. Am stärksten scheinen jedoch die historischen Belastungen auf. Wie ein Wetterleuchten treten die schlimmen Vorgänge in der Geschichte des 20. Jahrhunderts vor unsere Augen, speziell die authentisch beschriebene Situation der Russlanddeutschen. Es dringt durch, dass der Autor selber in der Verbannung der Volksdeutschen im Sowjetreich geboren worden war. Entsprechend häufig werden wir mit Diktaturen - der faschistischen wie der kommunistischen - konfrontiert.

Wendelin Schlosser gibt dazu einige Erklärungen, so dass auch der junge Mensch, der jene schicksalsschweren Zeiten nicht miterlebt hat, das Buch nachvollziehen kann. So kann er wenigstens erahnen, was Vertreibung, Verbannung und Arbeitslager in der psychischen Realität bewirkt haben mochten. Bonhoeffer und die Geschwister Scholl finden im Buch einen sicheren Platz des Respekts. Was übrigens den Autor als Deutschen auszeichnet, mag der Leser im Gedicht "Deutschland" nachempfinden.

Keines der Gedichte wirkt verstiegen, alles bleibt offen einsehbar. Und die Holprigkeiten, die sich hier und dort eingestellt haben, setzen die Qualität der Dichtung nicht herunter, sondern dienen ihr eher wie ein Echtheitsbeleg. Der Leser hat es hier mit unverfälschten Bekundungen zu tun, und er ist aufgerufen, sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen. Das Buch endet befreiend und sehr schön: "Die Liebe ist das Schönste, was es gibt."

Ronald Roggen
29.05.2012

 
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Das Buch:

Wendelin Schlosser: Das Leben hat einen tiefen Sinn

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2012
138 S., 12,80
ISBN: 978-3-8372-1108-5

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