Medien & Gesellschaft

Aus dem Land der Mrder ins junge Israel

Es ist 1957, und im noch jungen Staat Israel geht in der Hafenstadt Haifa ein junger Mann von Bord - er stammt aus dem "Land der Mörder", wie Deutschland hier immer noch aus nachvollziehbarem Grund genannt wird, und ist studierter Theologe, sein Vater bereits zu der Zeit einer der bedeutendsten deutschen evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. In dem Land, in dem alle drei abrahamitischen Weltreligionen auf engsten Raum zusammenleben, möchte er seinen Horizont erweitern und eine Antwort darauf finden, was die Menschen unter dem Namen Jahwe, Gott oder Allah seit Jahrtausenden gleichsam verbindet, aber auch trennt. Sein Weg wird ihn nicht nur zum Apfelsinenpflücken führen und ihn mit den unterschiedlichsten Menschen und ihren Geschichten zusammenbringen - er wird auch die Orte erfahren, die die Wiege unserer Zivilisation sind und deren mythische Kraft uns bis heute fesselt.

Der Autor Henning Gloege, Jahrgang 1931, hat diese Reise als junger Mann wirklich erlebt, und hatte bereits als Kind ein bewegtes Leben: Als Sohn von Gerhard Gloege wuchs er im Harz und in Schlesien auf. Aufgrund seines Wirkens in der oppositionellen Bekennenden Kirche im "Kirchenkampf" wurde der Vater 1938 durch die Gestapo aus Schlesien ausgewiesen. Die Familie kam kurzfristig bei Verwandten in Eberswalde bei Berlin unter, bis dem Vater kurz darauf eine Pfarrstelle in Erfurt erlaubt wurde. Der Krieg endete, und Henning trat in die dessen Fußstapfen: Von 1949 an studierte er Evangelische Theologie in Jena, Heidelberg, Tübingen, Basel, Zürich und Rom.

An der letzten Station knüpft sein Buch an: 1957 kommt er an Bord des Passagierdampfers Theodor Herzl nach Israel und arbeitet eine Weile als Apfelsinenpflücker. Zusammen mit Überlebenden der KZs Auschwitz und Buchenwald verbringt er die nächsten Monate im Kibbuz in Israel, und lernt Lektionen von Trauer und Trauma, jedoch auch von Vergebung und Nächstenliebe.

Gloege wurde später selber systemkritischer Pfarrer in der damaligen DDR, saß sogar wegen "staatsfeindlicher Hetze" in Potsdam und Cottbus im Gefängnis und wurde 1975 Gefängnispfarrer in Rheinbach bei Bonn, wo er seit 1994 im Ruhestand lebt. Die Monate in Israel hatte er glücklicherweise damals in seinem Tagebuch festgehalten. Jetzt hat er diese Erinnerungen niedergeschrieben und gibt uns Einblicke in ein zerrissenes Land, welches schon seit jeher mit seinen Konflikten um Glaube und Land kämpft - jedoch nie seine Hoffnung verloren hat.

Gerrit Koehler 
18.03.2024

 
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Das Buch:

Henning Gloege: Der unbekannte Gott bei der Apfelsinenernte. Arbeitsbesuch in Israel

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Offenbach: August von Goethe Literaturverlag 2024 232 S., 17,80 ISBN: 978-3-8372-2749-9

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