Buch des Monats - Dezember 2011

Kuttners "Wachstumsschmerz" legt Finger in Phantom-Wunde

Luise und Flo wollen nur zusammenziehen und stehen plötzlich vor den Grundsatzfragen einer ganzen Generation. Sarah Kuttner zeigt in ihrem neuen Roman, dass es leichter ist, die Erwachsenen zu spielen als sie selbst zu sein. 

Erst kommt die Schule, dann das Leben, dazwischen vielleicht noch die Uni, und irgendwann ist man erwachsen. Aber wie wird man das eigentlich - und wann? Beim Zusammenziehen, Heiraten oder Kinder kriegen? Wenn man seine erste Wohnung hat, das eigene Auto vor der Tür steht und der erste Lohn auf das Konto fließt? Gültige Antworten darauf gibt's nicht. Sicher ist nur: Einfach ist Erwachsenwerden nicht. Im Gegenteil, wie die Moderatorin Sarah Kuttner zeigt. In ihrem zweiten Roman "Wachstumsschmerz" wälzt sie all die anstrengenden Fragen, die eine Generation, der theoretisch die ganze Welt offensteht, umtreiben. 

Luise und Flo plagen zunächst mal gar keine Grundsatzfragen - außer denen nach Badezimmerfenster, Dielenboden und großer Küche. Das Paar ist seit fast vier Jahren zusammen und sucht die erste gemeinsame Wohnung. Mit dem Zusammenziehen als nächstem Schritt auf dem Weg ins Erwachsenenleben fängt alles an. Dass das Zusammenleben mächtig schiefgeht, macht der Roman aber gleich zu Beginn klar: Parallel zur Geschichte des Paares gibt Kuttner Einblick in Luises Tagebuch. Und dort wird offensichtlich eine Trennung verarbeitet. 

Eben noch alles gut - und plötzlich Trennung? Kuttner schildert in "Wachstumsschmerz" nur auf den ersten Blick die stinknormale Beziehungskiste zweier Endzwanziger. Vielmehr beschäftigt sie sich mit der Lebenskrise, in die Luise plötzlich gerät, als sie beginnt, sich und ihr Leben infrage zu stellen. Ist ihr Job als Herrenschneiderin gut genug, will sie ihre Freiheit aufgeben und mit Flo zusammenziehen, was hat sie eigentlich erreicht im Leben und: Wofür brennt sie? 

Fragen, die nach Jahren voller unbegrenzter Möglichkeiten auftauchen. Denn was kann noch kommen, wenn man alles gemacht hat? Und Kuttner meint wirklich alles: "Wir haben mit jedem gevögelt, wir haben unsere billigen Turnschuhe zertanzt, die erschnorrten Drogen machen uns inzwischen Kopfschmerzen, und das erste Auto kommt nicht mehr durch den TÜV", heißt es. Dumm nur, dass nun immer noch mehr als die Hälfte des Lebens vor Luise liegt. Muss man noch mehr wollen? Ist derjenige, der mit dem Jetzt zufrieden ist, ein ignoranter Depp? 

Antworten gibt Kuttner nicht. Stattdessen zeigt sie, wie Luise immer unzufriedener wird - und so Dinge in ihrem Leben zerstört, die eigentlich gut waren. Kuttner liefert mit ihrem Roman keine Lösungen auf die Probleme einer Generation, die eigentlich keine Sorgen haben müsste. Exakt in diese Phantom-Wunde legt «Wachstumsschmerz» aber den Finger - und veranschaulicht so die Nöte derer, die alles tun könnten, aber genau deshalb gar nicht mehr wissen, ob sie das wollen. 

All das tut Kuttner in ihrer gewohnt schnoddrig-direkten Sprache, in der Beschreibungen gerne mal ein "Drecks-" vorangestellt wird und notfalls auch Kasseler und Königsberger Klopse als Metaphern auf die Möglichkeiten im Leben herhalten müssen. Das ist oft witzig, manchmal ein wenig konstruiert, in jedem Fall aber kurzweilig. 

Alexandra Stahl, dpa 
05.12.2011

 
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Das Buch:

Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz

Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2011
288 S., 16,99
ISBN: 978-3-10-042206-4

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