Hörbücher
Menschenhandel am Polarkreis
Am nördlichsten Ausläufer der Ostsee liegt Haparanda, eine verschlafene schwedische Gemeinde direkt an der Grenze zu Finnland. Bekanntermaßen steigt in Skandinavien die Kriminalitätsrate je abgelegener, dunkler und verschlafener die Gegenden sind. Zumindest gibt es in der nordeuropäischen Kriminalliteratur hierfür etliche Belege. Die Polizistin Hannah Wester ist gerade wieder dabei, in den Dienst einzutreten, nachdem sie nach dem Mord an ihrem Ehemann Thomas lange ausgefallen war. Einer Verbrecherbande war Thomas letztlich zum Opfer gefallen, ohne dass die Polizei dabei erfolgreich die Täter und Hintermänner hätte dingfest machen können. Nun macht die Polizei mit dem Leichnam eines Säuglings eine schauerliche Entdeckung, von einer Mutter fehlt jedoch jede Spur, auch ist unklar, ob es sich um eine Totgeburt oder Vernachlässigung handelt. Doch als kurz darauf in einer Hütte eine junge Frau tot aufgefunden wird, fügen sich zumindest fürs erste diese Teile zusammen.
Hannah Westers Einstieg ist somit furios und wirft sie sogleich wieder mitten hinein in das Leben einer Ermittlerin. Dass sie vor dem Tod ihres Mannes eine Affäre mit einem Kollegen hatte und nun auch zusammen mit diesem wieder im Einsatz ist, beschleunigt die Achterbahnfahrt, in die sich Hannah begeben hat. Auch nagt die Altlast der im Alter von zwei Jahren spurlos verschwundenen Tochter von Hannah und Thomas weiterhin an ihrem Nervenkostüm, zumal sie immer noch die Vermutung umtreibt, dass die Killerin, die Thomas auf dem Gewissen hat, gut und gerne ihre eigene Tochter sein könnte. Bei ihren Ermittlungen dringen Hannah und ihre Kollegen immer tiefer ins organisierte Verbrechen ein und werden der "Akademie" gewahr, die mit Hilfe von verschleppten Mädchen, die geschwängert werden, potente und zahlungswillige Klienten bedient, die auf diese Weise die eigene Kinderlosigkeit lösen möchten.
"Die Farm der Mädchen" heißt der neueste und rasante Thriller aus der Feder von Hans Rosenfeldt. Der Titel gibt sogleich einen Hinweis auf die Machenschaften besagter Organisation. Nach "Wolfssommer", dem ersten Fall von Hannah Wester, geht es nun weiter mit der arg gebeutelten Protagonistin und dem groß angelegten Verbrechen knapp südlich des Polarkreises. Der Autor Hans Rosenfeldt hat große Bekanntheit als Teil des Schriftsteller-Duos Hjorth/Rosenfeldt erlangt, das in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten mit insgesamt acht Fällen der Sebastian-Bergmann-Reihe die Bestsellerlisten ein ums andere Mal erobert hatte. "Der Mann, der kein Mörder war", "Die Toten, die niemand vermisst" oder "Die Opfer, die man bringt" sind Titel aus dieser Reihe, die sehr eingängig waren und dem interessierten Leser aus Buchläden garantiert bekannt sind, wenn sie ihn nicht sogar einige schlaflose Nächte gekostet haben.
Auf der Buchausgabe basierend hat der Berliner Argon Verlag eine autorisierte, sprich gekürzte Hörbuchfassung produziert. Über mehr als zehn Stunden brilliert Vera Teltz als Vorleserin dieses Thrillers. Wer keine Seite verpassen möchte, der kann auch auf eine ungekürzte, ausschließlich als Download verfügbare Fassung zurückgreifen. Dabei verlängert sich das Hörvergnügen nochmal um gut anderthalb Stunden mit der profunden Sprecherin, die auch schon für "Wolfssommer" hinter dem Mikrofon Platz genommen hatte. Kontinuität auf der Sprecherposition ist bekanntlich ein Erfolgsfaktor für Hörbücher, man denke nur an Douglas Welbat, der alle acht Hörbücher zur Sebastian-Bergmann-Reihe mit seiner sonoren Stimme beglückt hat.
Die Parallelen zur Erfolgsstory des Duos Hjorth/Rosenfeldt zieht man automatisch, wenn man ein Individualprodukt wie "Die Farm der Mädchen" konsumiert. Dabei wird man feststellen, dass es Hans Rosenfeldt anders als mit Sebastian Bergmann und den Kollegen und Kolleginnen der Reichsmordkommission nach zwei Fällen in Haparanda noch nicht gelungen ist, die Charaktere entsprechend zu feilen und für Leser und Hörer eingängig zu machen. Dies mag auch daran liegen, dass zwischen "Wolfssommer" und "Die Farm der Mädchen" mehr als fünf Jahre ins Land gegangenen sind und auf diese Weise viele Erinnerungen und Anknüpfungspunkte beim Leser und Hörer womöglich verschüttet gegangen sind. Es bleibt daher zu hoffen, dass Hans Rosenfeldt einen dritten Fall, den es definitiv geben muss, schneller folgen lässt oder gar gemeinsam mit Michael Hjorth einen weiteren Fall um Sebastian Bergmann aus dem Hut zaubert.
Christoph Mahnel
30.03.2026
