Hrbcher

Mit Volldampf per pedes in den Fhrerbunker

Der Zweite Weltkrieg ist für Nazi-Deutschland schon längst verloren, da wird am Osterwochenende 1945 eine Veranstaltung gestartet, wie sie absurder und lächerlicher nicht sein könnte. In Berchtesgaden fällt der Startschuss für einen 1000-km-Lauf zu Ehren des Führers: "Wir laufen für den Führer" soll nach 20 Etappen und Tagen am Geburtstag des Führers in Berlin enden. Der Sieger darf dann Adolf Hitler persönlich zum Geburtstag gratulieren. Natürlich findet sich im mittlerweile männerarmen Deutschland kaum noch geeignetes Laufpersonal. Da kommt Leni Riefenstahl, die einen Film über den Lauf drehen möchte, Harry Freudenthal gerade recht. Als Jude ist es ihm auf abenteuerliche Weise gelungen, seine Identität geheim halten und so den Fängen der Nazis zu entgehen. Um nun nicht in allerletzter Minute aufzufliegen, ist er gezwungen, an diesem Laufspektakel teilzunehmen. Ein aberwitziges Rennen beginnt ... 

Peter Keglevic hat sich diese fiktive Geschichte eines 1000-km-Laufs zu Hitlers Ehren ersonnen und in "Ich war Hitlers Trauzeuge" romanhaft niedergeschrieben. Der mit Grimme- und vielen Fernsehpreisen dekorierte Österreicher hat angeblich zwanzig Jahre für diese Geschichte recherchiert, so will es zumindest der Klappentext weismachen. Allerdings hat es keine derartige Sport-Veranstaltung im Dritten Reich gegeben, hier hat Keglevics Fantasie den Ton angegeben. Für gewöhnlich produziert Keglevic Filme oder Theaterstücke, mit dem vorliegenden Werk hat er ein vielbeachtetes Debüt als Schriftsteller hingelegt. Seine bemerkenswert erscheinende Recherchezeit hat sich laut eigener Aussage dadurch ergeben, dass er sich in dieser Zeit sehr intensiv mit jüdischen Schicksalen während des Dritten Reichs beschäftigt hat und auch die Laufstrecke in Teilen mit dem Fahrrad oder gar zu Fuß absolviert hat. Ein sehr löbliches Vorgehen, um seiner Geschichte möglichst viel Authentizität zu verleihen.

Die vorliegende Hörbuchausgabe wurde parallel zum Erscheinen des Buchs durch den Hörverlag herausgegeben. Glücklicherweise hat man sich trotz der knapp 600 Seiten umfassenden Buchvorlage für eine ungekürzte Lesung entschieden. Herausgekommen sind dabei über 19 Stunden Laufzeit, die auf zwei mp3-CDs gepresst wurden. Für die Lesung hat man mit Matthias Koeberlin und Hanns Zischler zwei renommierte Vorleser gewinnen können. Die Erzählweise Peter Keglevics hat hierfür eine wunderbare Steilvorlage geliefert. "Ich war Hitlers Trauzeuge" ist nämlich auf zwei Erzählebenen aufgebaut, zum einen ist da im Jahre 2013 der am Ende seines Lebens angekommene Harry Freudenthal, der seinem Friseur in New York die Geschichte seines Lebens erzählt, und zum anderen sind es die Ereignisse im April 1945 selbst. Entsprechend der unterschiedlichen Senioritäten der beiden Vorleser hat Zischler den Part in der Gegenwart übernommen, während Koeberlin die Ereignisse in den letzten Kriegstagen zum Besten gibt.

Mit diesem Erzählkniff und auch dank des sehr professionellen Vortrags der beiden Sprecher ist Spannung für den Hörer garantiert und während der gesamten Laufzeit auch beständig greifbar. Keglevic gelingt es hervorragend, die Handlung und die Neugier dadurch voranzutreiben, dass die beiden Erzählstränge sich gegenseitig ergänzen. Seine Darstellungen sind gleichermaßen überzeugend als auch grotesk. Letzteres erreicht er dadurch, dass er dem furchtbaren Schrecken Hitler-Deutschlands mit ganz viel Humor begegnet. Insbesondere am Ende dreht Keglevic so richtig auf, wenn Paul Renner aka Harry Freudenthal die letzten Tage des Hitler-Regimes auf völlig absurde Weise miterleben darf. Nicht nur aufgrund des Umstands, dass Freudenthal an seinem Lebensabend die Geschichte seinem Friseur erzählt, fühlt man sich hier und da an Edgar Hilsenraths Schelmenroman "Der Nazi & der Friseur" erinnert.

Der von Peter Keglevic gewählte Ansatz, in einem historischen Roman fiktive und reale historische Personen miteinander zu vermengen, ist sicherlich eine Erfolgsformel, die beispielsweise bei Rebecca Gablés englischen Mittelalterromanen ohne Hinterfragen akzeptiert und geschätzt wird, jedoch bei Romanen rund ums Dritte Reich immer noch argwöhnisch gesehen wird. Man muss sich schlichtweg auf die Geschichte einlassen wollen und die allgegenwärtige dokumentarische Aufarbeitung Hitler-Deutschlands im Stile eines Guido Knopp abschütteln. Dann wird man - insbesondere mit der ungekürzten Hörbuchfassung - durch "Ich war Hitlers Trauzeuge" prächtig unterhalten und im emotionalen Spektrum zwischen tiefster Bestürzung und herzerfrischender Begeisterung hin- und hergerissen. Im ausgehenden Bücherherbst lässt sich für das Autorendebüt von Peter Keglevic ganz klar eine uneingeschränkte Lese- bzw. Hörempfehlung aussprechen.

Christoph Mahnel
27.11.2017

 
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Das Buch:

Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge

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Sprecher: Matthias Koeberlin, Hanns Zischler
Mnchen: Der Hrverlag 2017
Spielzeit: 1147 Min., 19,95
ISBN: 978-3-8445-2692-9

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