Romane

Road-Trip mit Kinderbchern

Ian Drake, eine zehn Jahre alte Leseratte mit ersten Tendenzen zu homosexuellen Neigungen, und Lucy Hall, eine sechsundzwanzig Jahre alte alleinstehende Bibliothekarin mit russischen Wurzeln bilden die beiden ungleichen Hauptfiguren des vorliegenden Romans von Rebecca Makkai. Gemeinsam erleben sie eine Odyssee durch die Vereinigten Staaten von Amerika, bei der sie stets die Liebe zu B?chern eint und die sie erkennen l?sst, dass B?cher einen Menschen retten k?nnen. 

In einer Bibliothek in Hannibal, Missouri versorgt die Ich-Erz?hlerin Lucy Kinder und Jugendliche mit B?chern, h?lt mit ihnen Vorlesungen ab und ist f?r die lesehungrigen Kids die erste Anlaufstelle. Ian ist Lucy mit seinem unb?ndigen Appetit nach neuem Lesefutter sogleich ans Herz gewachsen. Recht skeptisch beobachtet sie daher das Verhalten von Ians Mutter, die restriktiv versucht, Ians Wissensdurst auf diejenigen B?cher zu beschr?nken, die mit ihrem fundamentalisitsch-christlichen Glauben konform gehen. Als Lucy dann auch noch erf?hrt, dass Ian an den Wochenenden in eine Umerziehungsgruppe eines dubiosen Pastors geschickt wird, um fr?hzeitig seinen homosexuellen Tendenzen entgegenzuwirken, sind die Fronten gekl?rt. 

Das vorliegende Buch verspr?ht einen unwiderstehlichen Charme, eine unschuldige Frische und eine Prise Unerh?rtes, obgleich es einem als eine Mischung aus "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" von Marina Lewycka und "Extrem laut und unglaublich nah" von Jonathan Safran Foer daherzukommen scheint. Dies r?hrt zum einen von der russischen Vergangenheitsbew?ltigung in Lucys Familie her, zum anderen vom sehr speziellen Charakter Ians, der doch sehr an Oskar Schell aus Foers Bestseller der Nuller Jahre erinnert. 

Eines Morgens erscheint Lucy in ihrer Bibliothek und trifft dort auf den eigenwilligen Ian, der von zu Hause ausgeb?chst war und in der B?cherei campiert hatte. Relativ hilflos agiert die sechzehn Jahre ?ltere Lucy gegen?ber Ians klar vorgetragenen Fluchtpl?nen, so dass sie sich beide wenig sp?ter in Lucys Kleinwagen wiederfinden und Kurs Richtung Chicago, Lucys Heimat, nehmen. Weiter f?hrt sie ihre Reise ?ber Pittsburgh, wo Lucy einen obskuren Botendienst f?r ihren Vater zu erledigen hat, und Vermont bis an die kanadische Grenze. 

Der Road-Trip des ungleichen Paares verl?uft spannungstechnisch wie ein solcher, n?mlich gleichm??ig und mit moderater Geschwindkeit auf amerikanischen Highways. Dennoch wird die h?chst unterhaltsame Story von der Unkenntnis auf das Ende auf Hochtouren gehalten. Wie n?mlich k?nnen Lucy und Ian aus der sich Tag f?r Tag verschlimmernden Situation heil herauskommen? In ihrer Paranoia vermutet Lucy hinter jedem und jeder Ecke einen FBI-Agenten, der ihr die Handschellen umzulegen gedenkt. 

Hiesige Leser m?gen in der h?ufigen Erw?hnung US-spezifischer Kinderb?cher vor einer Herausforderung stehen, da neben weltweiten Klassikern wie "Der Zauberer von Oz" oder "Der F?nger im Roggen" auch sehr oft Bez?ge zu hierzulande g?nzlich unbekannten Werke hergestellt werden. Ebenso ergeben sich aus der Reise quer durch die USA einige geographische Aufh?nger, die einem nicht unbedingt gel?ufig sein d?rften. Doch st?rt dies nur marginal den Lesespa? bei dieser wundersch?nen Geschichte, die ob ihrer beiden Anti-Helden gerade in der bevorstehenden Weihnachtszeit f?r so manch herzerw?rmenden Leseabend sorgen wird.  

Christoph Mahnel 
05.12.2011

 
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Das Buch:

Rebecca Makkai: Ausgeliehen. Aus dem Amerikanischen von Mirjam Pressler

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Berlin: Ullstein 2011
368 S., 19,99
ISBN: 978-3-550-08848-3

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