Autobiographie

Das innere Licht

"Es war einmal ein kleiner glücklicher Junge, der lebte zwischen den zwei Weltkriegen in Paris." So beginnt Jacques Lusseyran seine Autobiographie "Das wiedergefundene Licht".

Das Licht spielt eine große Rolle im Leben dieses außergewöhnlichen Menschen. 1924 sehend geboren, erleidet der achtjährige Junge einen Unfall, der ihm das Augenlicht raubt. Das Licht, das ihm nun nicht mehr zugänglich erscheint, taucht aber recht rasch nach diesem Unfall wieder auf - im Inneren des Kindes. Dieses Licht führt und leitet den Heranwachsenden auf seinem Weg. Er besucht weiterhin seine normale Schule und er studiert Philosophie und Literatur. Die Diktatur des Naziregimes führt Lusseyran in den Widerstand, seine Erfahrungen dieser Jahre sind in "Das wiedergefundene Licht" auf packende Weise dargelegt.

Lusseyran überlebte das Konzentrationslager Buchenwald mit Hilfe seines inneren Lichts, das für ihn leuchtete und ihn führte, das ihn trug und bewahrte. Später wurde er Professor für Philosophie in Frankreich und den USA, 1971 starb er bei einem Autounfall.

Drei Vorträge sind in diesem liebevoll gestalteten Bändchen zusammengefasst, die von Lusseyrans Umgang mit der Blindheit berichten. Es geht hier nicht um Klagen oder Appelle an Sehende, ganz im Gegenteil. Lusseyran schöpft aus seiner inneren Lichtquelle soviel an Kraft, an Erkenntnis und an einem anderen Sehen der Welt, dass er Lehrer sein kann für alle Menschen auf ihrem Lebensweg. Die Vorträge sind eine Mischung aus eigener Erfahrung und einer grenzenlosen Sicht auf die wirkliche Welt, Lusseyran überwindet mit Leichtigkeit die Klippe des Sehens zugunsten des Hin-Sehens, des inneren Sehens, des Erfahrens mit anderen Sinnen. Natürlich macht auch Lusseyran die Erfahrung, dass blinde Menschen ihre anderen Sinne schärfen, aber er bleibt nicht bei dieser Erkenntnis stehen.

Es geht ihm darum aufzuzeigen, wie der einzelne Mensch sein Ich entwickelt und wie sehr dieses keimhafte Ich bedroht wird. Er fordert in den Vorträgen zum Mut auf, Mut, das eigene Schicksal aus eigenem, inneren Antrieb zu ergreifen, und er macht in seinen Worten sehr deutlich, dass es immer darauf ankommt, was der einzelne Mensch im Inneren ist, wo er seine Werte setzt, sein Ich ausbildet, sich in die Welt und zur Welt stellt, das ist für Lusseyran unabhängig von äußeren Faktoren. Ist das, was wir sehen, wirklich die Welt oder ist sie eine Facette der Realität, die unsere sehr leicht zu täuschenden Sehorgane als Welt definieren?

"Der Tod wird Leben", dieser autobiographische Bericht ist den drei Vorträgen angegliedert und er ist ein Zeugnis tiefster menschlicher Erfahrung. Er beschreibt das Todeserlebnis Lusseyrans im Konzentrationslager Buchenwald.

Das Buch ist, mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gelesen, für heutige Menschen Lebenshilfe. Es ist ein Appell an jeden Einzelnen, sich zu entwickeln, sich zur Welt zu stellen und das Leben zu ergreifen, an welcher Stelle auch immer das Schicksal den Menschen hinstellen mag, egal, mit welchen Voraussetzungen man ins Leben kommt. Die kraftvolle Sprache, die dennoch voller Poesie und Musik ist, ist der ideale Träger der Ideen und Anregungen Lusseyrans, dessen Leben zwischen extremen Polen verlaufen ist. Seine Worte sind zeitlos gültig: "Und jetzt gilt es mutig zu sein, den Mut aufzubringen, dasjenige zu sagen, was wir im Grunde genommen alle wissen, aber für das wir zu zeugen nicht mehr die Kraft haben." Ein Quelle der Kraft ist dieses Bändchen.

csc 
04.09.2003

 
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Das Buch:

Jacques Lusseyran: Ein neues Sehen der Welt. Gegen die Verschmutzung des Ich

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Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2002
112 S., 13,50
ISBN: 3-7725-1065-5

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