Wissenschaften

Verba volent , scripta manent

"Gesprochenes vergeht, Geschriebenes bleibt" - dieses ursprünglich lateinische Sprichwort fasst zusammen, was die Erfindung der Schrift und damit der Manifestierung der Sprache in etwas Visuellem der Menschheit und unserer Kultur gebracht hat, nämlich dem Vergänglichen etwas Beständigkeit. Dass es einmal ein menschliches Miteinander ohne das geschriebene Wort gab, ist für viele von uns heute - in einem Zeitalter des schriftlichen Kommunizierens und der Dokumentation auf Papier und auf Festplatte - nicht mehr vorstellbar. Wie Martin Kuckenburg in seinem neuen Sachbuch "Eine Welt aus Zeichen - Die Geschichte der Schrift" aufzeigt, stammen erste schriftsprachliche Zeugnisse aus der Zeit um 3000 v. Chr.

Dies ist die Zeit, in der sich in Ägypten und Mesopotamien die jeweiligen Hochkulturen zusammen mit ihren Schriften, den Hieroglyphen und der sumerischen Keilschrift entwickelten. Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen Zivilisation und Schrift eklatant und in fast allen Zivilisationen der Welt zu beobachten gewesen. Kuckenburg führt einerseits chronologisch, andererseits regional bestimmt durch sein reich bebildertes Sachbuch zur Entwicklung der Sprache. Beginnend mit den frühen Schriftkulturen des Alten Orients über die Schriftsysteme der Maya, Azteken und Chinesen bis hin zum Einzug der Buchstabenschrift ins antike Europa und den Anfängen der lateinischen Schriftzeichen, die bis heute von einem Großteil der Weltbevölkerung benutzt werden.

Bei seiner Reise durch die Schriftsprachen der Menschheitsgeschichte geht Kuckenburg, wie er selbst im Vorwort betont, nicht akribisch auf jedes Schriftsystem ein, sondern gibt einen groben Überblick über die wichtigsten Stationen der Schriftsprache und erläutert dabei nicht nur die Struktur und historische Entwicklung des jeweiligen Systems, sondern auch die gesellschaftliche und kulturelle Rolle, die die Schrift in besagtem Land zu besagter Zeit gespielt hat. Damit zeigt er auch, wie eng nicht nur die gesprochene Sprache, sondern auch die Schrift mit der kulturellen Entwicklung einer Gesellschaft zusammenhing.

Interessante und kuriose Einblicke liefern die zwischen den Kapiteln eingestreuten Infoseiten, z. B. über prähistorische Buchführung, bei der unterschiedliche gestaltete Tonmarken zum Zählen von Getreide, Öl oder Wolle dienten. Dazu gab es eine Tonmarke, die für einen Scheffel Getreide stand, eine andere, die einen Krug Öl symbolisierte usw. Um die Mengen in der Buchführung darzustellen und für die Nachwelt fälschungssicher aufzubewahren, wurden entsprechend viele Tonmarken in eine hohle Tonkugel gegeben, die anschließend versiegelt wurde.

Auch die altperuanischen Knotenschnüre stellen mit Sicherheit für jeden Leser eine bemerkenswerte Art der Aufzeichnung ohne Schriftzeichen dar. Die Farbe der Schnüre repräsentierte verschiedene Güter wie Getreide, Vieh oder Gold. Die Grundzahlen 1 bis 9 wurden mit entsprechend vielen Knoten dargestellt. Je nachdem in welcher Höhe man die Knoten anbrachte, stellten sie Tausender-, Hunderter-, Zehner- und Einerstellen größerer Zahlen dar.

Am Ende des Buches lässt es sich Kuckenburg nicht nehmen, einen kleinen Ausblick in die Zukunft der Schrift zu wagen. Im Computer- und Kommunikationszeitalter scheint die Alphabetschrift, die heute mit Ausnahme der Chinesen und Japaner von allen Völkern der Welt verwendet wird, wichtiger und präsenter denn je zu sein. Durch das Lesen und damit Scrollen am Bildschirm ist man sogar wieder zu einem Schriftrollen ähnlichen Lesen zurückgekehrt, wo das Umblättern von Seiten und Seitenzahlen keine Rolle mehr spielen. Auch Ideogramme und Bildzeichen, wie sie früher von bildsprachlichen Systemen verwendet wurden, erfreuen sich in Form von "@", "€" und "#" einer großen Verbreitung über alle Sprachgrenzen hinaus.

Das neueste Werk Martin Kuckenburgs, Wissenschaftsjournalist und Autor vieler archäologischer und historischer Sachbücher, ist ein Überblick über mehrere Tausend Jahre Schriftsprache, der für den interessierten Laien abwechslungsreich in Wort und Bild dargestellt ist. Die vielen Fotografien, Abbildungen und Beispiele der jeweiligen Schriftsysteme machen bereits das bloße Blättern und Betrachten des Buches zu einer informativen Reise durch 5000 Jahre Kulturgeschichte.

Sabine Mahnel
26.10.2015

 
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Das Buch:

Martin Kuckenburg: Eine Welt aus Zeichen. Die Geschichte der Schrift

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Darmstadt: Konrad Theiss Verlag 2015
208 S., 39,95
ISBN: 978-3-8062-2627-0

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