Wissenschaften

Dem Gehirn beim Denken zusehen - Was wir durch Hirnforschung ber uns lernen knnen und was nicht

Die moderne Hirnforschung erzielt mit ihren Ergebnissen seit Jahren aufsehen erregende Fortschritte f?r die Medizin. Sie scheint zugleich Bewegung in ein jahrtausend altes philosophisches Problem zu bringen, das unser Selbstverst?ndnis als Menschen zutiefst ber?hrt: das Leib-Seele-Problem oder Gehirn-Geist-Problem. Dabei geht es um die Frage wie die Verbindung von Geistigem und K?rperlichem zu begreifen ist, die uns zu selbstbewu?ten, mit kognitiven F?higkeiten und einem freien Willen ausgestatteten Wesen macht. Mit Monismus und Dualismus stehen sich zwei Perspektiven gegen?ber, wie sie gegens?tzlicher nicht sein k?nnten. Monisten versuchen alle geistigen Vorg?nge auf die entsprechenden k?rperlichen Vorg?nge zur?ck zu f?hren. Dualisten postulieren das Geistige als eigenst?ndige Substanz, verschieden vom K?rperlichen.

Neurophilosophie als neue Disziplin

Erhard Oeser, Philosophieprofessor und Wissenschaftshistoriker aus Wien, ist ausgewiesener Kenner der Geschichte der Hirnforschung ? im Jahr 2002 erschien sein Buch "Geschichte der Hirnforschung" ebenfalls in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG). Die "Perspektiven der Neurophilosophie" entstehen f?r Oeser im Grenzbereich zwischen Neurowissenschaften und Philosophie mit der Evolutionstheorie als Grundlage. Hiermit soll nicht weniger als eine neue Disziplin begr?ndet werden. Notwendig sei dies, weil weder die analytische Philosophie des Geistes, die in selbstbez?glichem Scheinproblem verstrickt ist, noch die naturwissenschaftlichen Erkl?rungen allein befriedigende Konzepte der Beziehung von Gehirn und Geist liefern.

Hirnforscher k?nnen mit ihren bildgebenden Verfahren unseren Gehirnen zusehen wie wir Freude und Schmerz empfinden oder moralische Entscheidungen treffen. Dabei zeigt sich, da? das Gehirn oft agiert, bevor sein "Tr?ger" etwas bewusst wahrnimmt. Der kalifornische Neurophysiologe Benjamin Libet zeigte bereits 1978, da? bei Versuchspersonen, die einen Finger kr?mmen sollten, das entsprechende Bereitschaftspotential im Gehirn etwa eine halbe Sekunde fr?her einsetzt als der Willensentschlu?, den Finger zu bewegen. Das hie?e, der Willensentschlu? kann nicht Ursache der Bewegung sein.

Der freie Wille als Illusion?

Eine Interpretation dieser Ergebnisse ist, da? es den freien Willen nicht geben kann oder er eine Illusion sei. Mit schwerwiegenden Konsequenzen nicht nur f?r unser Selbstverst?ndnis als Subjekte, sondern auch f?r die gesellschaftlichen Konstruktionen: Denn dann w?re niemand f?r sein Handeln verantwortlich, die notwendige Grundlage f?r Moral und Rechtsordnung w?re verschwunden.

Es sind Interpretationen wie diese, an denen Oeser verdeutlicht, da? die Ergebnisse der Hirnforschung einer begriffskl?renden ? und somit philosophischen ? Weiterverarbeitung bed?rfen und nicht, wie aktuell, in den neurowissenschaftlichen Einzeldisziplinen abgehandelt werden sollten. Denn, so Oeser, mit den bildgebenden Verfahren kann man nur feststellen in welchen Hirngebieten in welchem Ausma? und in welcher Abfolge kognitive oder emotionale Prozesse ablaufen. F?r das Problem des freien Willens in Bezug auf die Beziehung von Gehirn und Bewusstsein mu? aber immer gefragt werden, was die beobachtetenneuronalen Prozesse bedeuten. Dies kann nur durch sprachliche ?u?erungen der Versuchsteilnehmer erfahren werden. Oeser zieht den Schlu?, da? hier neue Systemeigenschaften auf einer h?heren funktionalen Ebene entstehen, die zwar von den Hirnfunktionen abh?ngen, aber nicht auf sie zur?ckgef?hrt werden k?nnen.

Die Verbindung von Gehirn und Geist

Die Gehirnaktivit?tsstudien haben f?r Oeser allerdings denen entscheidenden Schritt f?r das Gehirn-Geist-Problem geleistet: Zum ersten Mal ist der Nachweis einer konkreten Verbindung zwischen den beiden Beschreibungsebenen der geistigen und neuronalen Prozesse gelungen. Neurophilosophie, wie Erhard Oeser sie versteht, versucht nun die direkte Verbindung zwischen philosophischen Problemstellungen und der Hirnforschung herzustellen. Dabei geht sie davon aus, da? die Entstehung des selbstbewu?ten menschlichen Geistes ihre naturwissenschaftliche Grundlage in der Evolutionstheorie hat.

Den Leser erwartet in 14 Kapiteln eine spannende Reise sowohl durch die Geschichte der Hirnforschung als auch durch die relevanten philosophischen Positionen zu dem Gehirn-Geist-Problem. Dabei werden die philosophischen Positionen vorgestellt, mit der Hirnforschung abgeglichen und angenommen oder verworfen. Eine argumentative Ausarbeitung der Positionen wird man allerdings nicht finden. Erhard Oeser gelingt es so mit seinem Buch ?ber "Das selbstbewusste Gehirn" die Perspektiven seiner neuen Disziplin aufzuzeigen; eine Grundlegung der Neurophilosophie ist in diesem Buch noch nicht erfolgt.

Sascha M?ller
16.06.2006

 
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Das Buch:

Erhard Oeser: Das selbstbewusste Gehirn. Perspektiven der Neurophilosophie

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Darmstadt: WBG 2006
219 S., 34,90
ISBN: 3-534-19068-8

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