Wissenschaften

Die ostdeutsche Literaturszene - Eine Einfhrung

40 Jahre waren der Westen und der Osten Deutschlands zwei getrennte, voneinander unabhängige Staaten, die endlich am 9. November 1989, dem Tag des Falls der Berliner Mauer, wieder geeint wurden. In diesen vier Jahrzehnten entwickelten sich zwei unterschiedliche Gesellschaften mit ihren eigenen Bedürfnissen und Bestimmungen, die das alltägliche Leben regeln sollten. Ähnlich den Gesellschaft entstanden zwei Kunst- und Kulturszenen, die sich einerseits grundlegend voneinander unterschieden, andererseits mehr Parallelen aufwiesen, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Demzufolge sollte der Literaturinteressierte von heute seinen Blick nicht nur gen Westen richten, sondern auch in den einstigen "wilden Osten", dessen Literaten heutzutage genauso aktiv sind wie in den Anfängen der längst vergangenen DDR. Dies beweisen zumindest Michael Opitz und Michael Hofmann, die Herausgeber vom "Metzler Lexikon DDR-Literatur".

Das vorliegende Werk, das als Rarität unter unzähligen Lexika gelten kann, beschäftigt sich mit den Autoren und Institutionen, die in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik gewirkt haben. Aber auch mit Debatten, die zu offenen Streitigkeiten ausufern konnten, sodass trotz Gegenmaßnahmen seitens des DDR-Regimes die ostdeutsche Bevölkerung davon Wind bekam, und diese Diskussionen somit als ein Teil des Sturzes der DDR gesehen werden können. Auch wenn die DDR als kulturelle Wüste verschrien wurde, so zeigt das Lexikon eindrucksvoll auf, dass viele Autoren über die Staatsgrenzen hinaus wirkten. Namen wie Bruno Apitz ("Nackt unter Wölfen"), Bertolt Brecht, Uwe Johnson ("Mutmaßungen über Jakob"), Sarah Kirsch ("Rückenwind"), Heiner Müller ("Die Hamletmaschine") und Anna Seghers sind für immer mit ihrer einstigen Heimat, der DDR, verknüpft und haben doch weltweit mit ihren Büchern für Furore gesorgt. Dabei ist dies nur ein kleiner Teil der Autoren, die im vorliegenden Lexikon einen Eintrag erhalten haben. Zeichnet Literatur sich doch in erster Linie durch ihre Autorschaft aus, der sie entstammt. Über 150 Autoren, Liedermacher und andere herausragende Künstler stellen den Hauptteil des Lexikons und beweisen, dass es sehr wohl eine eigenständige DDR-Literaturszene gab, die ihre Leserschaft mit einer außergewöhnlichen Kunstfertigkeit für sich einnahm.

Einen weiteren, nicht unbedeutenden Part übernehmen die einzelnen literarischen Genres, die von Abenteuerliteratur über Kriminalliteratur zu Unterhaltungsliteratur alles abdeckten, was sich auch in anderen Ländern großer Beliebtheit erfreute. Unterschiede zum "Ausland" fanden sich einzig in der Wahl der Themen, die im Osten eher von der Obrigkeit diktiert wurden als wirklich von einer freien Meinungsäußerung bestimmt waren. So steht die Glorifizierung des Arbeiter- und Bauernstaates im Vordergrund: Ein einfacher Bürger arbeitet sich mühsam nach oben, ohne den antifaschistischen Aspekt der DDR-Politik aus den Augen zu verlieren. Besonders an diesen Punkten zeigt sich die Divergenz zwischen Realität und Utopie, denn die Zensur war an der Tagesordnung. Autoren, die auffällig wurden, mussten mit Ausbürgerung rechnen, die ein neues Leben im Westen zur Folge hatte. Wobei dies nicht immer eine Verbesserung bedeutete, denn schließlich bedeutete ein Neuanfang auch neue Verpflichtungen und mögliche Ausgrenzungen durch andere.

Mit "Metzler Lexikon DDR-Literatur" haben Michael Opitz und Michael Hofmann ein kompaktes aber zugleich übersichtliches Nachschlagewerk herausgegeben, das keinen Aspekt der ostdeutschen Literaturszene vernachlässigt. Der Einstieg wird für den Literaturinteressierten insofern erleichtert, indem zu Beginn ein Verzeichnis der Artikel einen ersten Überblick gewährt, sodass man nicht mühsam im Buch nachschlagen muss, um dann das Stichwort nicht zu finden. Denn schließlich sollte eine Wissensbereicherung nicht unnötig erschwert werden. Das angehängte Personenregister trägt zusätzlich zu dieser Übersichtlichkeit bei, wenn Zusammenhänge zwischen Personen und Gruppierungen sichtbar werden. Dabei bleiben die Artikel keineswegs in der Vergangenheit hängen, sondern wenden ihren Blick auch der Gegenwart zu, wenn von Uwe Tellkamps "Der Turm" und Jana Hensels "Zonenkinder" die Rede ist. Besonders diese Mischung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeigt, dass die DDR-Literatur keineswegs mit dem Ende der Demokratischen Republik gestorben ist, sondern darüber hinaus zu bestehen scheint. Beweist das vorliegende Lexikon doch, dass das Thema DDR nach 20 Jahren Mauerfall aktueller ist denn je.

Susann Fleischer
05.10.2009

 
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Das Buch:

Michael Opitz, Michael Hofmann (Hg.): Metzler Lexikon DDR-Literatur

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Stuttgart: Metzler Verlag 2009
405 S., 49,95
ISBN: 978-3-476-02238-7

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