Wissenschaften

Aus der Gedankenwelt eines Savants

Daniel Tammet, Jahrgang 1979 und in London geboren, ist ein Savant, ein Mensch mit einer sogenannten Inselbegabung. Er selbst erzielt besondere Fähigkeiten in den Bereichen Mathematik und Sprachen. Das Außergewöhnliche an Tammet ist die Tatsache, dass er dennoch in der Lage ist, ein "normales" Leben zu führen und damit auch über die Vorgänge in seinem Kopf zu berichten weiß. Letzteres macht ihn für Wissenschaftler verschiedenster Richtungen zu einer höchst interessanten, da äußerst raren Erscheinung.

In seinem zwei Jahre zuvor erschienenen Buch "Elf ist freundlich und Fünf ist laut" hatte Tammet seine Kindheit beschrieben, wie nach einem epileptischen Anfall seine Inselbegabung diagnostiziert wurde und wie er alltägliches, Gefühle und Emotionen betreffendes Verhalten unter schwersten Anstrengungen "erlernen" musste. Mit dem vorliegenden Buch "Wolkenspringer" hat Tammet nun sein zweites Buch veröffentlicht, das aufgrund des großen Erfolges seines Debüts weltweit ebenfalls regen Zuspruch erfahren wird. Vorab sei allerdings erwähnt, dass der in der deutschen Ausgabe verwendete Zusatz "Von einem genialen Autisten lernen" sehr missverständlich, wenn nicht sogar verwerflich ist! Man sollte nicht vergessen, dass es sich bei Tammet immer noch um eine Person handelt, die an einer Behinderung, an einer Anomalität leidet. Tammet ist ein am Asperger-Syndrom leidender Autist und einer der wenigen Savants, die sich nahezu eigenständig durch die Welt bewegen können. Daher und aufgrund der Tatsache, dass man Tammets Defekte nicht nachahmen kann und sollte, ist dieser reißerische Zusatz völlig fehl am Platze! Denn dieses Buch spricht auch ohne solche Aufmachung für sich.

Was bietet das Buch stattdessen, wenn schon keine Anleitung zur Verbesserung der eigenen Gehirn- und Gedächtnisleistungen? Tammet liefert hochaktuelle Einblicke in die jüngste neurowissenschaftliche Forschung, deren Ergebnisse und praktische Anwendungsgebiete und verknüpft diese mit seinen persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Tammet widmet sich dem komplexen Begriff der Intelligenz und führt aus, inwieweit sich seiner Meinung nach Intelligenz äußert und messbar gemacht werden kann. Fesselnd wird das Buch, wenn Tammet erläutert, wie seine Inselbegabung die Leistungsfähigkeit in den Bereichen Gedächtnis, Sprache und Zahlen in geradezu astronomische Dimensionen treibt. Tammet kann nicht nur die Zahl Pi bis auf über 22.000 Nachkommastellen aufsagen, er hat auch die als äußerst schwierig geltende isländische Sprache innerhalb einer Woche erlernt und seine Meisterschaft darin während einer Live-Sendung im isländischen Fernsehen unter Beweis gestellt.

Der Leser erfährt, wie Tammet denkt, wie sich Zahlen für ihn darstellen, wie er Sprachen erlernt. Besonders erwähnenswert sei hierbei das Erlernen von Wortfeldern innerhalb einer Sprache über den Gleichklang und die überraschenden Parallelen zu einer bestimmten Art der Gleichförmigkeit dieser Wörter. Diese Systematik gehört bis dato nicht zur didaktischen Grundausstattung beim Erlernen von Sprachen. Tammet führt gestützt auf jüngste Forschungsergebnisse interessante Erklärungen für Inselbegabungen an, nämlich dass für Savants ein reduziertes "Inhibitionsniveau" die Ursache für die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Hirnregionen ist: D.h. die Spezialisierung unterschiedlicher Hirnregionen, die beim gesunden Menschen für unterschiedliche kognitive Bereiche und dabei streng singulär genutzt werden, wird heruntergefahren und stattdessen findet Cross-Kommunikation zwischen diesen Hirnregionen statt. Dies dient Tammet als Überleitung für die Ursachenforschung von Kreativität, die nämlich vorrangig solchen Menschen zu eigen ist, die mehrere Bereiche ihres Denkens zu verknüpfen wissen. Der Grat zwischen Inselbegabung und Kreativität ist somit ein schmaler!

Das vorliegende Buch fesselt den Leser immer dann, wenn Tammet seine persönlichen Fähigkeiten, Denkweisen und Begabungen einfließen lässt, und nicht nur eine bloße Aneinanderreihung von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen liefert. Der Leser lernt durch dieses Buch nicht - wie durch den deutschen Titelzusatz fälschlicherweise suggeriert - notwendigerweise etwas, von dem er selbst profitieren wird, sondern er erhält äußerst interessante, weil seltene Einblicke in die Denkweise eines Savants und die moderne Forschung mit ihren nahezu unbegrenzt scheinenden, mitunter auch beängstigenden Möglichkeiten.

Christoph Mahnel
20.04.2009

 
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Das Buch:

Daniel Tammet: Wolkenspringer. Von einem genialen Autisten lernen. Aus dem Englischen von Maren Klostermann

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Dsseldorf: Patmos Verlag 2009
288 S., 19,90
ISBN: 978-3-491-42116-5

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