Wissenschaften
Ein Bruchteil einer Sekunde vor Mitternacht
Unvorstellbar sind die Zeiträume und unfassbar ist die Komplexität der Veränderungen der Erde über Jahrmillionen durch natürliche, zuletzt auch menschliche Einflüsse. Der Mensch kann die Erdgeschichte in all ihren Dimensionen nur in der modellhaften Reduktion erfassen, namentlich über zusammenfassende Darstellungen, Tabellen, Grafiken und Karten. Und genau diese Vermittlungsleistung bietet der vorliegende Atlas auf eine eindrucksvolle und optisch überaus ansprechende Art und Weise: Seit Stephen Hawkings "The Illustrated A Brief History of Time" ("Die illustrierte Kurze Geschichte der Zeit") (1996/97) und "The Universe in a Nutshell" ("Das Universum in der Nußschale") (2001) dürfte ein so komplexer Vorgang, der sich über Millionen, zum Teil sogar Milliarden von Jahren erstreckt, kaum vergleichbar prachtvoll-anschaulich illustriert und zugleich spannend in Buchform dargestellt worden sein.
Der Betrachter und Leser der "Geschichte der Erde" findet sowohl Beiträge zum Anfang der Welt, zu Vulkanismus, Klima und Evolution als auch solche, die sich unmittelbar auf unsere Gegenwart und deren drängende Probleme wie Ausbeutung der Bodenschätze, Umweltzerstörung, Artensterben, Klimawandel und Überbevölkerung beziehen, sowie gelegentliche Ausblicke auf die Zukunft (Prognosen zur Plattentektonik etwa oder zur restlichen natürlichen Lebensdauer des blauen Planeten von ca. 10 Milliarden Jahren), aber auch einen historisch-kartographischen Rückblick auf imaginäre Kontinente wie Atlantis, Mu und Lemuria.
Christian Grataloup, Geograf und Spezialist für Geogeschichte, konnte für den "Atlas historique de la Terre et de son usage par les humains" - so der aussagekräftige Originaltitel des vorliegenden Kartenwerks - rund 30 fachkundige Mitarbeiter gewinnen. Und so ist ein einmaliger, sehr empfehlenswerter Atlas über unseren Planeten und dessen Nutzung durch den Menschen entstanden, der sowohl, was das Fachwissen betrifft, als auch, was die Vermittlung anbelangt, einen Standard setzt, der hinsichtlich der Verbindung von Anschaulichkeit, Aktualität und Kompaktheit über viele Jahre hinweg kaum zu überbieten sein dürfte.
Ein Beispiel: Wenn die bisherige Geschichte des Universums von 13,8 Milliarden Jahren ein Tag wäre, so zeigt es eine Tabelle, dann wäre die Erde als zunächst lebensfeindlicher Glutball um 16:11 Uhr entstanden (vor 4,5 Milliarden Jahren) und der Mensch um 23:59:59 Uhr hervorgetreten (vor sieben Millionen Jahren), und - so ist zu ergänzen - es würde keinen Wimpernschlag dauern, die natürlichen Grundlagen der menschlichen Existenz durch Raubbau an der Erde vollkommen zu vernichten.
Grataloup betont im Vorwort ausdrücklich den "enzyklopädischen Anspruch" seiner Darstellung der Erdgeschichte. Enzyklopädien, in der Form, wie wir sie heute noch kennen, entstammen der geistesgeschichtlichen Epoche der Aufklärung, der Zeit Diderots und Lessings. Insbesondere die von Grataloup und seinen Mitarbeitern enzyklopädisch und ohne Wertung aufbereiteten Kapitel um die Gefährdung unser aller Lebensgrundlage zeigen, wie nötig heutzutage eine neue Aufklärung ist, denn es ist nicht 5 vor 12, es ist, um im Bild des einen Tages zu bleiben, ein Bruchteil einer Sekunde vor Mitternacht! Davon kann sich der Rezipient dieses qualitativ hochwertigen Atlas anhand von über 300 farbigen Karten und Schaubildern zu 4,5 Milliarden Jahren Geschichte des Planeten des Lebens überzeugen.
Holger Schwinn
11.08.2025
Das Buch:
Christian Grataloup, unter Mitarbeit von Charlotte Becquart-Rousset, Léna Hespel und Héloïse Kolebka: Die Geschichte der Erde. Ein Atlas. Aus dem Französischen übersetzt von Frank Sievers, Martin Bayer, Nele Boysen und Jens Hagestedt
München: C.H. Beck 2024 320 S., € 38,00 ISBN: 978-3-406-82230-8
Diesen Titel
