Hrbcher

Nach vorne in die Vergangenheit

Heute vor fünfzig Jahren war die Welt nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt noch eine ganz andere. In den USA kämpften Schwarze noch lange nicht um ihre Gleichberechtigung mit den Weißen, sondern schlicht um eine Vorstufe der Anerkennung. Währenddessen platzte hierzulande vielen Menschen der Kragen ob der bigotten Gesellschaft, die 22 Jahre nach Kriegsende naturgemäß noch mit vielen Alt-Nazis durchsetzt war. In den USA ließen bei Rassenunruhen viele Menschen ihr Leben, der Box-Weltmeister aller Klassen Muhammed Ali verweigerte seinen Dienst beim Kampf im vietnamesischen Dschungel und musste dafür nicht nur seine Titel abgeben, sondern auch noch ins Gefängnis. In Deutschland steht der Student Benno Ohnesorg als prominentestes Opfer der Querelen zwischen Establishment und den Bewegungen des Aufbruchs.

Dennoch war das Jahr 1967 beileibe kein Jahr des Schreckens, neben den Schattenseiten verstanden es große Teile des Globus bestens, ihren "Sommer der Liebe" zu feiern. Die Hippie-Bewegung erlebte ihren Höhepunkt und ließ sich durch Repressalien keineswegs einschüchtern. In der Musik unternahmen die Beatles, die Rolling Stones und die Bee Gees Höhenflüge. Die Zeit war reif für den Protest gegen althergebrachte Strukturen, die von der heranwachsenden Generation nicht länger akzeptiert wurden. Es ist wohl der größte Verdienst der im Jahre 1967 zum Siedepunkt gelangenden Bewegungen, dass sich diese nicht durch gewaltsame Einsätze in Deutschland wie auch in den Vereinigten Staaten zurückwerfen ließen, sondern derartige Aktionen den Geist der Freidenker noch weiter befeuerten.

"1967 - Das Jahr der zwei Sommer" lautet der Titel eines dieser Tage erschienenen Buchs, in dem dieses vor einem halben Jahrhundert die Welt in ihren Grundfesten erschütternde Jahr die Hauptrolle einnimmt. Sabine Pamperrien hat darin die schönen und die schaurigen Entwicklungen besagten Jahres chronologisch dokumentiert. Obwohl die promovierte Autorin selbst erst drei Jahre danach das Licht der Welt erblickte, ist ihr dank exzellenter Recherche ein hervorragendes Sittengemälde der damaligen Gesellschaft gelungen. Neben der Buchausgabe ist auch ein gekürztes Hörbuch beim Berliner Audio Verlag erschienen, in dem über knapp acht Stunden hinweg die gesprochene Fassung zum Besten gegeben wird. Den Vortrag hat der Schauspieler Julian Mehne sehr abwechslungsreich und unterhaltsam gestaltet, mal fungiert er im Stile eines Nachrichtensprechers, mal berichtet er mit viel Pathos in der Stimme über die unglaublichen Entwicklungen.

Die Autorin hat mehrere Handlungsstränge ausgewählt, die den Hörer nahezu über das ganze Jahr begleiten, seien es die Drogenrazzia und die sich anschließenden Prozesse bei den Rolling Stones, die standhafte Verweigerung des Muhammed Ali, der Kampf des Che Guevara oder der Terror durch Roy Clark, den Erpresser der Deutschen Bundesbahn. Nicht zu vergessen sind natürlich die Einblicke in das Ausgabenbuch der Familie Drechsler, einer deutschen Durchschnittsfamilie, deren monatliche Anschaffungen hier preisgegeben werden. Darüber hinaus erfolgt noch eine Einordnung weiterer größerer oder kleinerer Ereignisse des Weltgeschehens in die dominierenden Stränge des Jahres 1967. Rasch erschließt sich dem Hörer ein Bild über die damalige Gesellschaft und deren Entwicklungszustand. Man wird dabei mit Erschrecken feststellen, welche heutigen Selbstverständlichkeiten vor fünfzig Jahren noch in weiter Ferne lagen, so wie beispielsweise die Teilnahme von Frauen bei Marathonläufen. Seinerzeit wurde beim Boston-Marathon versucht, eine verkleidete Teilnehmerin nach deren Enttarnen durch die Rennleitung gewaltsam aus dem Rennen zu nehmen. Dies ist nur eine von vielen Randnotizen, die einen fassungslos den Kopf schütteln lassen.

"1967 - Das Jahr der zwei Sommer" ist daher beileibe nicht nur ein netter Rückblick in eine Welt vor einem halben Jahrhundert, sondern hat für denjenigen, der in der Lage ist, aus der Geschichte zu lernen, sehr viel Gehaltvolles zu bieten. So wird man den Blick nach hinten sogleich um 180 Grad drehen wollen und nach vorne richten, um die immensen Errungenschaften der letzten fünf Jahrzehnten nicht vergebens sein zu lassen und um dafür zu kämpfen, sich diese nicht durch populistische Rattenfänger zerschlagen zu lassen. Insofern hat Sabine Pamperrien mit ihrem neuesten Werk einen wichtigen Beitrag für das Jahr 2017 geliefert, in dem Deutschland und die gesamte Welt wieder einmal an einem Scheideweg stehen.

Christoph Mahnel
03.04.2017

 
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Das Buch:

Sabine Pamperrien: 1967 - Das Jahr der zwei Sommer

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Sprecher: Julian Mehne
Berlin: Der Audio Verlag 2017
Spielzeit: 474 Min., 22,99
ISBN: 978-3-86231-993-0

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