Hrbcher

Die mit dem Pferd tanzt

Die vierzehnjährige Sarah liebt ihr Pferd Boo über alles. Von ihrem Großvater Henri, bei dem sie aufgewachsen ist und den sie liebevoll "Papa" nennt, lernte sie schon als kleines Kind das Reiten. Denn Henri ist nicht nur ein pferdeverrückter alter Mann, der ein Pferd in einem der Stallhöfe mitten in London hält, sondern auch ein ehemaliger Reiter des "Cadre Noir", der berühmtesten französischen Reitschule. Er gab jedoch als junger Mann der Liebe wegen das Reiten und den Cadre Noir auf und zog nach England. In seiner Enkelin und dem talentierten Boo sieht er die Chance, sein Können noch einmal zu beweisen und weiterzugeben - bis er eines Tages auf der Straße zusammenbricht und fortan an den Folgen eines Schlaganfalls leidend in einem Krankenhaus ans Bett gefesselt ist und kaum noch sprechen kann.

Sarah, die keine anderen lebenden Verwandten mehr hat außer ihrem "Papa", versucht geheimzuhalten, dass sie alleine wohnt. Doch eines Tages läuft sie der Anwältin Natasha über den Weg, die sie beim Klauen im Supermarkt erwischt. Natasha, die auf Kindesrecht spezialisiert ist, versucht eine Pflegefamilie für das verschlossene Mädchen zu finden. Doch nach unzähligen misslungenen Versuchen erklärt sie sich selbst bereit, den Teenager bei sich aufzunehmen.

Dabei ist Natashas eigenes Leben gerade auch ohne Sarah schon kompliziert genug. Ihr Mann Mac und sie haben bereits ein Jahr getrennt gelebt, als er nun plötzlich wieder in ihrem gemeinsamen Haus auftaucht. Für Sarah und das Jugendamt spielen sie heile Welt, doch die Probleme brodeln unter der Oberfläche. Dass Sarah keinem etwas von ihrem Pferd und den Schulden, die sie bei dem Stallbesitzer hat, erzählt und immer wieder die Schule schwänzt, um sich sowohl um ihr Pferd als auch um ihren Großvater im Krankenhaus kümmern zu können, macht die Situation für alle Beteiligten noch komplizierter. Als Sarah eines Tages mit Boo Reißaus nimmt, machen sich Natasha und Mac gemeinsam auf die Suche.

Jojo Moyes - den meisten Lesern bekannt durch ihren Roman "Ein ganzes halbes Jahr", mit dem sie 2013 den Durchbruch auf dem deutschen Buchmarkt schaffte - liefert in regelmäßigen Abständen Romane über die unterschiedlichsten Themen: Mal geht es um einen Tetraplegiker, der selbstbestimmt sterben möchte, mal ist es eine alleinerziehende Mutter, die ihrer hochbegabten Tochter die bestmögliche Bildung bieten möchte, oder wie in dem aktuell auf dem deutschen Markt erschienenen "Im Schatten das Licht" ein Mädchen, das alles im Leben verloren hat und dem nur noch die Liebe zu ihrem Pferd und der Reitkunst bleibt. Moyes ist vielseitig und ihre Geschichten triefen nie vor Schmalz, obwohl die Themen dies sicherlich hergeben würde. Diese Gratwanderung und ihre Vielseitigkeit gehören unbestritten zu den Qualitäten der Journalistin. 

"The Horse Dancer", wie "Im Schatten das Licht" weitaus treffender im englischen Original heißt, ist jedoch nicht ganz taufrisch, da er im Englischen bereits 2009 - also noch vor Moyes´ Durchbruch in Deutschland - erschienen ist. Alte, noch vor dem ersten großen Erfolg eines Autors geschriebene Romane nach dem Durchbruch auf den Markt zu bringen, ist eine durchaus gängige Praxis in der Verlagswelt und muss nicht bedeuten, dass diese ersten Gehversuche eines Autors schlechter waren als seine großen Erfolge. Moyes´ "Im Schatten das Licht" beweist dies. Ihr ist damit eine Geschichte gelungen, bei der einen alle Charaktere berühren. Man wird innerlich geradezu unruhig, wenn man Sarahs Sturheit erdulden muss und kann andererseits die Verzweiflung der Pflegeeltern spüren. 

Luise Helm, die bereits alle von Jojo Moyes als Hörbuch erschienenen Romane eingesprochen hat, stand auch für das neueste Hörbuch wieder zur Verfügung und leiht nicht nur Sarah ihre jugendlich klingende Stimme, sondern kann auch autoritär und alt klingen, wenn Großvater Henri zu Wort kommt, oder salopp und wohlwollend im Falle von Cowboy John, dem Stallbesitzer. Mit Jojo Moyes und Luise Helm sind mal wieder neun Stunden beste Unterhaltung im Hörbuchformat garantiert. 

Sabine Mahnel
27.02.2017

 
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Das Buch:

Jojo Moyes: Im Schatten das Licht. Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus

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Sprecherin: Luise Helm
Berlin: Argon Verlag 2017
Spielzeit: 542 Min., 19,95
ISBN: 978-3-8398-1502-1

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