Hrbcher

Die ungekrzte Flucht des Georg Heisler

Im Jahre 1937, als Nazi-Deutschland mit voller Wucht auf die große Katastrophe des 20. Jahrhunderts zusteuerte, flüchten sieben Häftlinge aus dem Konzentrationslager Westhofen in der Nähe von Worms. Der Lagerkommandant errichtet sogleich sieben Kreuze für die bevorstehenden Hinrichtungen der Flüchtigen. An sechs der sieben Kreuze finden diese auch innerhalb kürzester Zeit statt. Lediglich Georg Heisler ist in der Lage, sich den unnachgiebigen Verfolgern erfolgreich zu widersetzen. Als Ziel hat Heisler das Quartier einer ehemaligen Freundin in Frankfurt im Kopf. Doch der Weg dahin ist lang und mit vielen Begegnungen gepflastert. Bei jeder dieser Begegnungen stellt Heisler die Menschen vor die Wahl, ihm entweder zu helfen oder ihn zu denunzieren. Heislers Menschenkenntnis ist somit der Schlüssel zu seinem eigenen Überleben.

"Das siebte Kreuz" von Anna Seghers gehört unzweifelhaft in jede Liste deutscher Literaturklassiker des vergangenen 20. Jahrhunderts. Ihr Porträt der deutschen Gesellschaft im Dritten Reich ist zeitlos und beeindruckt auch gut siebzig Jahre nach Fertigstellung immer noch mit höchster sprachlicher Eleganz. Seghers war kurz nach der Jahrhundertwende in Mainz geboren, als Jüdin verließ sie nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gerade noch rechtzeitig das Deutsche Reich und lebte mehr als ein Jahrzehnt im Exil. So entstand "Das siebte Kreuz" während ihrer Jahre im Exil, in Südfrankreich hatte sie damit begonnen, die englische Erstausgabe wurde 1942 in den USA verlegt, während für die Veröffentlichung in deutscher Sprache ein mexikanischer Verlag verantwortlich zeichnete.

Die Handlung in "Das siebte Kreuz" steigt wider Erwarten nicht in Westhofen ein, sondern zunächst bei einem Freund Georg Heislers. Die Schilderung belangloser alltäglicher Situationen schafft dank der sprachlichen Fähigkeiten von Anna Seghers sogleich eine Atmosphäre, die intensiv spürbar ist. Man atmet die Herbstluft des Jahres 1937 mit ein, schmeckt das Laub und lässt sich von der Autorin in das Leben der handelnden Personen hineinversetzen. Im Zuge dieser Schilderungen erfährt man dann auch von den Vorfällen in Westhofen, die sich erzählt werden. Damit lässt Seghers so langsam die Haupthandlung in Schwung kommen. Doch sie fordert durch ständige Perspektivwechsel weiterhin Aufmerksamkeit ein, mal ist man beim Kommandanten in Westhofen zugegen, mal mit den Flüchtigen auf der Flucht, mal bei Bekannten oder Heislers Ex-Frau, aber immer mittendrin in der Handlung.

Das vorliegende Hörbuch kommt als ungekürzte Lesung über insgesamt elf CDs und mehr als 15 Stunden Laufzeit daher. Es verbietet sich schlichtweg, auch nur eine Passage aus diesem gewaltigen Werk zu kürzen. Der herausgebende Audio Verlag hat für die Besetzung des Mikrofons Martin Wuttke gewinnen können, den ehemaligen Leipziger Tatort-Kommissar an der Seite von Simone Thomalla. Der knorrige Charakterdarsteller erweist sich als eine sehr gute Besetzung für dieses außergewöhnliche Werk. Obgleich Kürzungen unterlassen wurden, sind keinerlei Längen spürbar. Rasch merkt der Hörer, dass es sich bei "Das siebte Kreuz" um keinen einfach runtergeschriebenen Roman handelt, den man so nebenher konsumieren kann, stattdessen bedarf es bei diesem literarisch äußerst wert- und anspruchsvollen Roman einer gewissen Anlaufzeit, um sich einhören zu können.

Die Sprache von Anna Seghers sprüht vor Literatur, ohne abgehoben zu wirken. Mit ihren gewaltigen Beschreibungen von den Naturelementen versieht sie die Handlung mit viel Lebendigkeit. "Das siebte Kreuz" ist ein ständiges Miterleben und Mitfühlen, beispielsweise als sich Heisler im Mainzer Dom versteckt und friert, leidet man als Hörer schmerzlich mit. Man lässt das Gefühl auf sich übertragen, getrieben zu sein und immer weiter zu müssen. Seghers brilliert im Haupthandlungsstrang, wenn sie Heisler auf seiner Flucht durch die vielen verschiedenen Ortschaften führt, insbesondere ihre Beschreibungen der Frankfurter Altstadt sind historisch wertvoll, schließlich wurde diese im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs komplett dem Erdboden gleich gemacht. Als Hörer hält man die Luft an, wenn man sich mit Heisler auf den heiklen Passagen seiner Flucht befindet, wenn er sich im Moor rund ums Lager kaum zu rühren wagt, wenn er durch einen engen Kanal kriecht. Doch parallel läuft das ganz normale Leben weiter, Banalitäten regieren den Alltag, was schließlich die Absurdität von Heislers Situation besonders deutlich macht und einen im Hier und Jetzt glücklich zurücklasst, dass die Menschheit seitdem einige Evolutionsschritte genommen hat.

Christoph Mahnel
26.11.2015

 
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Das Buch:

Anna Seghers: Das siebte Kreuz

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Sprecher: Martin Wuttke
Berlin: DAV 2015
Spieldauer: 911 Min., 29,99
ISBN: 978-3-862-31588-8

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