Hrbcher

Vom Ende des alten Europa

Frankreich im Jahre 2022: Bei der Präsidentschaftswahl kommt es zur Stichwahl, da im ersten Wahlgang weder Marine Le Pen vom rechten Flügel noch der sozialistische Kandidat oder Mohammed Ben Abbes von den Muslimbrüdern die absolute Mehrheit erringen konnte. Das Naheliegende tritt eine: Da die Sozialisten unbedingt die rechtsextreme Front National an der Spitze der Macht verhindern möchten, sprechen sie für den zweiten Wahlgang eine Empfehlung für Mohammed Ben Abbes aus. Somit wird der liberale Muslim der erste islamische Präsident Frankreichs. Unruhen brechen im gesamten Land aus, die Umwälzungen auf allen Ebenen werden als dramatisch empfunden. Das allgemeine Schulwesen endet fortan mit dem 12. Lebensjahr, die Vielehe wird legalisiert, Prostitution und Abtreibung verboten, während sich Frauen in der Öffentlichkeit zunehmend verschleiert zeigen müssen.

Mittendrin in diesen turbulenten Tagen Frankreichs befindet sich der Mittvierziger François, ein Literaturwissenschaftler an der Pariser Sorbonne. Die Auswirkungen der politischen Umwälzungen auf ihn sind vehementer als zunächst gedacht. Seine junge Immer-mal-wieder-Freundin verlässt aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln das Land, die Entsexualisierung des öffentlichen Lebens trifft François, der beileibe kein Kostverächter ist, sehr hart. Da die Pariser Universität von den Saudis übernommen und mit Unmengen finanzieller Mittel vollgepumpt wird, ist der Einfluss der neuen Universitätsleitung auf ihre Angestellten immens. François sieht sich schließlich vor die Wahl gestellt, ob er der für eine Weiterbeschäftigung verpflichtenden Bedingung, zum Islam zu konvertieren, folgen oder sich widersetzen wird.

Wer sich daran versucht, den soeben skizzierten und in Frankreich platzierten Plot einem Schriftsteller zuzuordnen, wird eventuell direkt ins Schwarze treffen. Mit Michel Houellebecq zeichnet nämlich ein bekannt streitbarer Geist für dieses Gedankenexperiment namens "Unterwerfung" verantwortlich. Schon in der Vergangenheit hat er mit seinen Romanen die eine oder andere Zielgruppe offensiv attackiert und beleidigt zurückgelassen. Bei Houellebecqs Äußerem mag man sich an Catweazle oder einen Waldschrat erinnert fühlen, seine Angriffe führt er ganz in deren Sinne. Doch während Houellebecq in der Vergangenheit neben Frauen und Ethnien auch gerne Religionen an die Wand gefahren hat, wohnt "Unterwerfung" trotz des schnell auf der Hand liegenden Verdachts der islamophoben Darstellung keineswegs die Absicht inne, den Islam zu diffamieren. Houellebecq spielt sein zynisches Spiel dieses Mal eher mit den europäischen Ureinwohnern des alten Kontinents, deren Übernahme und Untergang bevorzustehen scheint.

"Unterwerfung" war im Januar 2015 sowohl im französischen Original wie auch in der deutschen Übersetzung erschienen. Ein entsprechendes Hörbuch als ungekürzte Lesung flankierte diese Veröffentlichung. Der Audio Verlag hat nun mit einem zeitlichen Versatz von etwa einem Dreivierteljahr ein Hörspiel auf den Markt gebracht, das "Unterwerfung" nochmal ganz neues Leben einhaucht. Die Produktion durch den SWR begeistert durch seine Lebhaftigkeit und ist ein akustischer Ohrenschmaus. Dank der bunten Zwischentöne und eines brillierenden Ensembles hochkarätiger Sprecher werden die gut zweieinhalb Stunden zu einem nachdenklich stimmenden Erlebnis, das mit dem Ende der zweiten CD keineswegs die Gedankenwelt des Hörers verlässt. Faszinierend ist dabei vor allem festzuhalten, wie es Houellebecq meisterlich gelungen ist, mit besagtem Plot keineswegs eine Steilvorlage für Pegida und Co. zu liefern, sondern mit viel Intelligenz einem breiten Spektrum an Interpretationen Tür und Tor zu öffnen.

Das Erscheinen von "Soumission", so der französische Originaltitel, war im Januar 2015 mit einem sehr traurigen Ereignis einhergegangen. Am selben Tag war nämlich der Anschlag auf das Pariser Büro von "Charlie Hebdo" vonstattengegangen, auf dessen damals aktueller Ausgabe das Konterfei Michel Houellebecqs geprangt hatte. Einen derartigen Schwenk ins Rampenlicht hatte wohl selbst dieser Autor noch mit keinem seiner vorherigen Werke erzielt. Die Diskussionen und kritischen Betrachtungen von "Unterwerfung" werden sicherlich so schnell nicht abebben und stattdessen mit dem soeben erschienenen Hörspiel nochmals befeuert. Darüber, dass dabei selbst die größten zeitgenössischen Literaturkritiker kein homogenes Meinungsbild zeichnen, dürfte sich Houellebecq sicherlich diebisch freuen. "Unterwerfung" vereint derart viele Facetten und Spitzen in sich, dass der begeisterte Hörer die beiden CDs des vorliegenden Hörspiels gleich nochmal in den Player einlegen wird und gebannt nach noch unbeobachteten Stoßrichtungen des Autors lauschen wird.

Christoph Mahnel
09.11.2015

 
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Das Buch:

Michel Houellebecq: Unterwerfung

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Berlin: Hanser Berlin 2015
288 S., 19,90
ISBN: 978-3-446-25020-8

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