Hrbcher

Zeitreise durch 350 Jahre mit Geschlechtsumwandlung

Der junge, gut aussehende Orlando stammt aus einem englischen Adelsgeschlecht und steht hoch in der Gunst der alternden Königin Elisabeth I. Er wird ihr Hof- und Schatzmeister und bekommt von ihr ein Landgut geschenkt, auf das er sich zurückzieht um zu schreiben. Nach einer Liebschaft mit einer russischen Prinzessin namens Sasha und einer weiteren Enttäuschung - der berühmte Poet Nicholas Greene verhöhnt ihn in einem seiner Werke - bittet er um die Versetzung nach Konstantinopel.

Dort arbeitet er erfolgreich als Diplomat und wird in den Herzogstand erhoben. In einer Nacht politischer Tumulte verfällt er in einen siebentägigen Schlaf, aus dem er als Frau erwacht. Orlando kehrt als Frau nach England zurück. Im prüden England des 19. Jahrhunderts versucht sie ihren Platz als Frau in der Gesellschaft zu finden und sich der Veränderungen bewusst zu werden, die ihre Transformation in einen weiblichen Körper mit sich bringen. Immer wieder schlüpft sie in Männerkleider und spielt mit den Geschlechterrollen. Sie heiratet schließlich den Kapitän Marmaduke Bonthrop Shelmerdine. Nicholas Greene, der sie einstmals verhöhnte, verhilft ihr nun zur Publikation ihres Gedichts "The Oak Tree", an dem sie bereits seit dem 16. Jahrhundert schreibt. Aus dem 16-jährigen männlichen Orlando ist nach 350 Jahren nun eine 36-jährige Frau geworden, die in den 1920er Jahren lebt und zu guter Letzt auch noch einen Literaturpreis gewinnt.

Virginia Woolfs außergewöhnliche Biographie "Orlando", die zugleich ein gesellschaftskritischer Geschichtsroman ist, der auf die Restriktionen, denen Frauen unterworfen sind, aufmerksam machen will. Gewidmet hat Woolf dieses Werk ihrer Freundin Vita Sackville-West, die nicht nur ihre Geliebte war, sondern teilweise auch Modell stand für diese fiktive Biographie.

Woolfs Roman in ein Hörspiel zu übertragen, ist keine leichte Aufgabe. Gaby Hartel, Publizistin, Übersetzerin und Radioautorin, hat nicht nur die Hörspielbearbeitung übernommen, sondern gleichzeitig auch die Neuübersetzung des Romans ins Deutsche. Dies gab ihr die Freiheit, das Englische so zu übersetzen, dass es hörspieltauglich wurde, sprich der natürliche Redefluss, auf den Woolf so viel Wert legte, auch im Deutschen gewährleistet wurde. Zu diesem Zweck hat Hartel komplexe Satzgefüge, die im Englischen flüssig waren, im Deutschen aber nicht, in besser funktionierende deutsche Sätze umgesetzt.

Hartel lässt außerdem in ihrer Hörspieladaption einen Biographen und eine Biographin auftreten, wobei der männliche Part der allwissende Biograph ist, der Fakten liefert und keine Interpretationen, während der weibliche Part eine beobachtende, registrierende Perspektive bietet. Ein weiteres wichtiges Element des Hörspiels ist die Musik, die immer wieder über lange Passagen hinweg allgegenwärtig ist und die Handlung sowie die Stimmungen transportiert. Treibende Rhythmen und wiederkehrende Themen mit ihren Variationen runden das Gesamtbild dieses ambitionierten Hörspielprojekts des Bayerischen Rundfunks ab.

Sabine Mahnel
10.06.2014

 
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Das Buch:

Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Gaby Hartel

Sprecher: Gabriel Raab, Wiebke Puls, Paul Herwig u.v.a.
Mnchen: Der Hrverlag 2014
Spielzeit: 293 Min., 24,99
ISBN: 978-3-8445-1380-6

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