Hrbcher

Schriftsteller im Exil

Juli 1936. Es ist einer der letzten Sommer in Europa, in denen sich nicht der Großteil des Kontinents in Schlachten, Elend und Grausamkeiten verliert. Während sich Hitler-Deutschland auf die Olympischen Spielen in Berlin vorbereitet und sich vermeintlich weltoffen zeigt, suchen einige Schriftsteller im neutralen Belgien im Badeort Ostende Zuflucht für einen letzten Sommer, den sie hoffend im Kreise ihrer Künstlerkollegen und Freunde verbringen möchten - hoffend, aber auch wissend um die nicht mehr abzuwendende Katastrophe, die über Europa hereinrollt.

Im "Flore" sitzend oder auf der Promenade spazierend, diskutieren die deutschsprachigen Schriftsteller, die allesamt in ihrer Heimat nicht mehr publizieren dürfen, ihre Werke, die aktuelle Politik und das Publizieren in den wenigen verbliebenen Exil-Verlagen. Zu dieser illustren Gesellschaft von Zuflucht suchenden Künstlern gehören allen voran Stefan Zweig und Joseph Roth, der von ersterem nach Ostende eingeladen worden ist. Die beiden Freunde, die sich schon lange kennen und mit Ratschlägen und Kritik am anderen nicht sparen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Zweig, ein erfolgsverwöhnter, stattlich gekleideter Herr aus dem Wiener Großbürgertum und Roth aus dem ostgalizischen Brody, dem im Sommer 1936 seine finanziellen Sorgen und seine Trunksucht bereits deutlich anzusehen sind.

Zu den beiden ungleichen Freunden gesellen sich nach und nach weitere Kollegen: Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten und Irmgard Keun, in der Roth nicht nur eine Trinkgenossin, sondern auch seine letzte große Liebe findet. Allen ist gemeinsam, dass sie in Nazi-Deutschland keine Bücher mehr veröffentlichen können - sei es, weil sie Juden sind oder weil sie nicht regime-konforme Literatur schreiben.

Volker Weidermann, Literaturkritiker und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat diese Ostende-Episode im Leben der Exilanten zum Anlass genommen, ein Buch zu schreiben, das zwar die Form eines Romans hat, aber eigentlich eher eine Biographie ist; eine Biographie Stefan Zweigs und Joseph Roths, stellvertretend für all die Schriftsteller, die der Nationalsozialismus in den Jahren 1933-45 ins Exil getrieben hat.

Die ungekürzte Lesung durch Ulrich Noethen, bekannt aus Filmproduktionen wie "Comedian Harmonists", "Der Untergang" oder "Die Luftbrücke" und Hörbuchproduktionen wie Falladas "Ein Mann will nach oben" oder Tolstois "Anna Karenina", ist wie alles, was Noethen spricht, ein Genuss und eine Inszenierung von höchster Qualität - eine Stimme, der man immer zuhören kann und die alle "Töne" und "Tonlagen" eines Romans bzw. einer Figur trifft.

Sabine Mahnel
22.04.2014

 
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Das Buch:

Volker Weidermann: Ostende 1936, Sommer der Freundschaft

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Sprecher: Ulrich Noethen
Berlin: Der Audio Verlag 2014
Spielzeit 256 Min., 19,99
ISBN: 978-3-86231-352-5

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