Hrbcher

Ehefrau gesucht

Don Tillman ist das, was man auf den ersten Blick als "guten Fang" bezeichnen würde: Er ist Junggeselle, Professor für Genetik, 39 Jahre alt, gut trainiert und hochintelligent. Dass er bisher kein Glück bei den Frauen hatte, liegt daran, dass seine sozialen Kompetenzen gegen Null gehen. Während alles Logische und Berechenbare kein Problem für ihn darstellt, ist er hoffnungslos verloren, wenn es darum, Emotionen zu erkennen und zu empfinden - Don hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus.

So wie Don seinen Tagesablauf bis auf die Minute durchgeplant und organisiert hat, er nach einem speziellen standardisierten Speiseplan lebt und er Alkohol nur in bestimmten Mengen und an bestimmten Wochentagen trinkt, versucht er nun auch an das Projekt "Ehefrau" mit wissenschaftlicher Akribie heranzugehen. Er arbeitet einen 16-seitigen Fragebogen aus, den die potentiellen Heiratskandidatinnen ausfüllen müssen und anhand dessen er auf wissenschaftliche Art und Weise die Frauen aussortieren kann, die nicht mit ihm kompatibel sind, sprich nicht rauchen, nicht unpünktlich und keine Vegetarier sind.

Doch dann funkt ihm das Schicksal dazwischen und er begegnet Rosie, einer Frau, die in keinem Punkt seinem Ehefrau-Ideal entspricht. Sie ist unpünktlich, arbeitet in einer Bar und ist Vegetarierin. Er findet jedoch entgegen seiner Erwartungen Gefallen an ihr und hilft ihr dabei, ihren biologischen Vater zu finden - denn mit DNS-Analysen kennt Don sich aus. Die Suche nach Rosies Vater gestaltet sich nicht nur für Rosie selbst zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle, auch Dons Leben wird kräftig durchgerüttelt und er muss sich für Rosie von der ein oder anderen liebgewonnenen Gewohnheit schweren Herzens verabschieden.

Graeme Simsion, IT-Berater in Melbourne, hat mit seinem ersten Roman bereits in vielen Ländern einen Bestseller gelandet - was absolut nicht verwunderlich ist, denn die Geschichte des hochintelligenten Don Tillman, der alles berechnen, aber nichts fühlen kann, hält gleichermaßen viele berührende wie komische Momente für den Leser bzw. den Hörer bereit. Zu keiner Zeit fühlt man sich schuldig, wenn man über Dons Unbeholfenheit bei sozialer Interaktion lacht, denn es ist der Leistung Simsions als Autor zuzuschreiben, dass man immer mit Don lacht und nicht über ihn. Die Erzählperspektive, die den Einblick in die Gedanken des Protagonisten erlaubt, sorgt dafür, dass kein Mitleid beim Hörer entsteht, da Don sich selbst nicht als "krank" oder benachteiligt, sondern lediglich als anders, als eine "Variante" bezeichnet.

Dem ohnehin schon warmherzigen, witzigen und rührenden Roman verleiht Robert Stadlober, dem mit "Crazy" der Durchbruch als Schauspieler gelang und der für die Lesung von "Pampa Blues" 2013 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert wurde, mit seiner einfühlsamen und wandlungsfähigen Stimme die passende Note. Herausgekommen ist eine leicht gekürzte Lesefassung, die das Hörbuch-Äquivalent zu einem Page-Turner ist.

Sabine Mahnel
20.01.2014

 
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Das Buch:

Graeme Simsion: Das Rosie-Projekt. Aus dem Australischen von Annette Hahn

Sprecher: Robert Stadlober
Berlin: Argon Verlag 2013
Spielzeit: 384 Min., 19,95
ISBN: 978-3-8398-1304-1

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