Hrbcher

Vom Kurzgeschichtenerzhler zum Romancier

Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach hat sich in den vergangenen vier Jahren mit seinen Kurzgeschichten und Romanen zu brisanten Rechtsfällen innerhalb kürzester Zeit in der deutschen Bücherszene verewigt. Seine beiden ersten Veröffentlichungen "Verbrechen" und "Schuld" waren Sammelsurien an Kurzgeschichten, die ihre Leser nachhaltig beeindruckten, so dass von Schirach fortan die Bestsellerlisten von oben betrachten konnte. Erste Verfilmungen von Fällen aus diesen beiden Büchern sind bereits im Fernsehen ausgestrahlt worden. In seinem dritten Werk, "Der Fall Collini", wagte sich von Schirach 2011 erstmals an die Romanform heran, was er nun in seinem neuesten Werk "Tabu" fortführt.

Der junge Sebastian von Eschburg entstammt einer alteingesessenen deutschen Familie, die in der Gegenwart jedoch arg mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hat. Sebastians Eltern leben nebeneinander her. Während die Mutter sich vor allem für ihre Reitturniere interessiert, zieht sich der Vater auf die Jagd zurück. Eines Tages begeht der Vater schließlich Selbstmord. Sebastian wird Augenzeuge davon, wie sich sein Vater den halben Kopf weggeschossen hat. Fortan schafft sich Sebastian seine eigene Welt. Als Synästhetiker ordnet er sowohl Zahlen und Buchstaben als auch Menschen und Ereignissen Farben zu. Somit ist es nicht verwunderlich, dass er später in der Fotografie seine Nische findet, in der er seine Version von Wahrheit und Schönheit suchen wird.

Doch eines Tages geschieht die Katastrophe: Sebastian wird des Mordes an einer jungen Frau verdächtigt, sein Geständnis diesbezüglich lässt nicht lange auf sich warten. Die attraktive Staatsanwältin Landau und der Polizist, der die Verhöre mit Sebastian geleitet hat, sind guter Hoffnung, dass Sebastian rasch für seine Taten verurteilt wird. Doch mit Eschburgs Strafverteidiger, dem alternden Konrad Biegler, bekommt der Fall eine gänzlich neue Dynamik, die auf ein Finale zusteuert, das nicht nur die Staatsanwältin, sondern auch sämtliche Leser und Hörer von "Tabu" überrascht.

"Tabu" ist kein einfaches Stück Literatur. Ferdinand von Schirach hat bezüglich der äußeren Form zwar eine klare Einteilung vorgenommen, an der man sich orientieren können sollte. Die vier Kapitel sind mit "Grün", "Rot", "Blau" und schließlich mit "Weiß", in das gemäß der Farblehre von Helmholtz die drei anderen Farben münden, überschrieben. Doch das war es bereits mit Ordnung, die von Schirach einem gestattet. Viele Handlungen stellt der Autor bewusst verworren und wenig eindeutig dar, was schließlich die Rolle rückwärts im Laufe der späteren Verhandlung ermöglicht. Von Schirachs Stil, unbedeutende Beobachtungen explizit festzuhalten, verwirrt natürlich denjenigen, der hinter jeder tiefergehenden Beschreibung ein Indiz für eine bedeutende Spur in den Händen zu halten glaubt.

Das vorliegende Hörbuch kommt glücklicherweise in einer ungekürzten Fassung daher und hat mit Matthias Brandt eine Idealbesetzung als Sprecher gefunden. Der Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers hat sich in den vergangenen Jahren dank seiner markanten und schlicht besonderen Stimme peu à peu zu einem der gefragtesten deutschen Hörbuchsprecher entwickelt. Seine individuelle Klasse trägt so manches Hörbuch auch einmal über schwächere Passagen hinweg, ohne dass der Hörer den Bezug oder das Interesse verlieren könnte. Mit Matthias Brandt am Mikrofon machen Hörbuchverlage alles richtig und können ihren Erfolg bereits auf der Habenseite verbuchen.

"Tabu" macht seinem Titel alle Ehre. Allenthalben wimmelt es von Tabubrüchen: Die Androhung von Folter beim Verhör eines Verdächtigen oder der potentielle Mord an der eigenen Halbschwester. Ferdinand von Schirach ziert sich nicht, diese Themen zum Gegenstand seines neuesten Werks zu machen. Nichts für Klosterschülerinnen sind auch Eschburgs künstlerische Konstruktionen von makabren sexuellen Darstellungen. Als absolutes Highlight muss man zweifelsohne von Schirachs Thematisierung der angedrohten Folter konstatieren. Wie Konrad Biegler den Polizisten als Zeugen der Anklage auseinandernimmt und dessen scheinbar gesunden und ehrenhaften Menschenverstand ad absurdum führt, wird die Meinung zum Thema Folter von so manchem Leser bzw. Hörer nachhaltig beeinflussen.

Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass "Tabu" prädestiniert dafür ist, die komplette Bandbreite an Kritiken einzuheimsen. Ferdinand von Schirach hat nach dem Erfolg von "Verbrechen" und "Schuld" einen schmalen Weg eingeschlagen. Als präziser Erzähler von juristischen Kurzgeschichten war er ohne Wenn und Aber brillant. Nun versucht er, den Bogen zum Roman zu schlagen. Hier hat er scheinbar noch nicht die richtige Balance zwischen der literarischen Ausgestaltung und den zu transportierenden Inhalten gefunden. Doch wird von Schirach garantiert nicht locker lassen und auch hier mit seinen kommenden Werken einen Erfolgsweg beschreiten.

Christoph Mahnel
07.10.2013

 
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Das Buch:

Ferdinand von Schirach: Tabu

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Sprecher: Matthias Brandt
Hamburg: Osterwold Audio 2013
Spielzeit: 288 Min., 19,99
ISBN: 978-3-86952-176-3

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