Hrbcher

Qulende Schuld

Ulla steht kurz vor ihrem 60. Geburtstag und gönnt sich eine Auszeit in dem alten Häuschen ihrer Mutter Helga, das in den 1970er-Jahren zu einer Hippie-Kommune am Chiemsee gehörte. Die komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter, die einst ihre Tochter und ihren Mann verlassen hatte, um sich als Künstlerin auszuleben, hat Ulla ihr Leben lang begleitet. Von der Mutter als junges Mädchen verstoßen zu werden, hinterlässt Narben und Fragen. Fragen, die Helga zu Lebzeiten nie beantworten konnte, denn Ullas Mutter nahm sich das Leben, als ihre Tochter 15 Jahre alt war. Als Ulla nun als gestandene Frau, die eine Scheidung hinter sich hat und deren eigene Tochter gerade ein Kind erwartet, in das alte Haus ihrer Mutter kommt, scheint sie endlich dem lebenslang gehüteten Geheimnis ihrer Mutter näher zu kommen.

Helga malte nicht nur, sie war auch eine wagemutige Performance-Künstlerin mit dem Hang zum Morbiden. Sie scheute sich nicht, dem Tod ins Auge zu blicken, auch wenn viele nicht den Grund kannten, warum sie sich immer wieder für ihre Kunst so quälte. Als Ulla in Helgas alten Sachen Kassetten findet, auf denen sie für ihre Tochter ihre Lebensgeschichte und damit auch ihre Lebensbeichte aufgesprochen hat, entwirren sich langsam all die Ungereimtheiten und Ulla versteht, warum ihre Mutter immer so abweisend zu ihr war. Helga musste im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht aus Schlesien eine Entscheidung treffen, mit der sie eine Schuld auf sich geladen hat, die sie sich selbst nie vergeben konnte.

Ellen Sandberg, bürgerlich Inge Löhnig und unter diesem Namen auch als Krimiautorin bekannt, schreibt unter ihrem Pseudonym spannungsgeladene Familienromane, die sich oft mit Schuld und Vergebung und mit der Aufarbeitung von gesellschaftlichen Themen der deutschen Vergangenheit beschäftigen. Dabei arbeitet Sandberg wie gewohnt auch in ihrem bereits fünften Roman dieser Art mit Zeitsprüngen. Die Zeitsprünge in "Das Geheimnis" führen vom Sommer 2020 ausgehend einmal ins Jahr 1975 in die Wochen vor Helgas Tod und in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ellen Sandberg schreibt gerne und gut über starke Frauenfiguren, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, dass in ihrem neuesten Roman wieder drei Frauen im Mittelpunkt stehen: Helga, Ulla und Luise, eine willensstarke alte Dame, die Ulla während ihrer Zeit am Chiemsee kennenlernt und die eine nicht unbedeutende Rolle in Helgas Leben gespielt hat.

Sandberg hat wieder einen gelungenen Mix aus Familiendrama, Psychologie und deutscher Geschichte geschaffen, der sowohl unterhält als auch nachdenklich macht und stellvertretend für eine Generation steht, der es bis zum Tod schwer gefallen bzw. unmöglich war, über das erlebte Grauen während des Krieges zu sprechen.

Einfühlsam liest die bekannte Schauspielerin und Hörbuchsprecherin Vera Teltz die Geschichte über Helgas Geheimnis, das noch bis in die Generation ihrer Enkelin, die sie nie kennengelernt hat, seine Kreise gezogen und eine gesunde Mutter-Tochter-Beziehung nicht zugelassen hat.

Sabine Mahnel 
11.04.2022

 
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Das Buch:

Ellen Sandberg: Das Geheimnis

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Sprecherin: Vera Teltz Berlin: Der Audio Verlag 2021 Spielzeit: 707 Min., 20,00 ISBN: 978-3-7424-2047-3

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