Hrbcher

Die "Belle poque" - das Sittenbild einer verlorenen Zeit

Als Marcel Proust im Januar 1909 einen Zwieback in seinen Tee tauchte, wurde er unwillkürlich in seine Kindheit zurückversetzt. Im Juli zog er sich zurück, um seinen Roman zu schreiben. Während der Kriegsjahre überarbeitete Proust den Rest seines Werkes, vertiefte seine Empfindungen, Struktur und Interpretation, entwickelte die realen und satirischen Elemente weiter und verdreifachte seine Länge. Über zehn Jahre lang schrieb der französische Autor und Sozialkritiker an seinem grandiosen und zeitlosen Meisterwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Das Ergebnis: Auf über 4000 Seiten entfaltet er eine ganze Welt im Verstreichen ihrer Zeit: das Drama von Liebe und Eifersucht, die Intrigen der Gesellschaften in den Pariser Salons, Gedanken über Literatur, Musik und Kunst, die Poesie der Landschaft und den Geschmack der Erinnerung.

Zum Inhalt:

Frankreich der letzten zwei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit in der gehobenen Gesellschaft: Der Ich-Erzähler stammt aus einer Familie des Pariser Bürgertums, die den Sommer üblicherweise bei Verwandten auf dem Land verbringt. Hier erlebt er eine glückliche Kindheit und lernt Personen kennen, die in seinem weiteren Leben eine Rolle spielen werden, etwa den Kunstliebhaber Swann, dessen Tochter Gilberte, oder die lokale Adelsfamilie, die Guermantes. Als der Ich-Erzähler alt genug ist, einen Beruf zu wählen, weckt ein Theaterbesuch in ihm das Interesse für Kunst und er will Schriftsteller werden. Er erlebt bei der genauen Beobachtung der Natur aber immer wieder Augenblicke höchster Konzentration, die er gerne verarbeiten würde, nur kommt er niemals dazu.

Im Badeort Balbec freundet sich der Ich-Erzähler mit dem Marquis Robert de Saint-Loup an. In der Folge steigt der Ich-Erzähler in der Welt des Adels auf und besucht die Salons. Hier macht er sich über das leere Geplauder der Menschen lustig, aber er ist auch fasziniert und kann sich nicht von ihnen trennen, um sein Werk zu schaffen. Die politischen Affären seiner Zeit interessieren ihn kaum. Er bekommt nur mit, dass die Dreyfus-Affäre es manchen Personen erlaubt, gesellschaftlich aufzusteigen, während sie andere zum Abstieg zwingt. Da trifft den Ich-Erzähler Amors Pfeil. Nach seiner ersten, unerwiderten Kinderliebe zu Gilberte wird er schließlich der Geliebte Albertines, wobei er aber kein Glück findet, sondern sich und ihr mit seiner Eifersucht das Leben zur Hölle macht.

Die Jahre des Ersten Weltkrieges verbringt der Ich-Erzähler in einem Lungensanatorium bei Paris. Lange nach dem Krieg besucht er ein letztes Mal eine Gesellschaft und erkennt endlich: Er ist jetzt alt und krank und merkt, dass er die Personen, die er einst kannte, kaum wiedererkennt, so sehr haben sie sich verändert. Außerdem scheinen sie völlig vergessen zu haben, wer früher angesehen war und wer nicht. Die Guermantes wurden vergessen, und früher verachtete Neureiche werden gefeiert. Der Ich-Erzähler bemerkt, dass die Vergangenheit einzig in seiner Erinnerung existiert. Er erkennt am Ende seines Lebens, dass er über seinen Liebesaffären und Kontakten zu belanglosen Menschen nie die Zeit und die Mühe aufbrachte, das Kunstwerk zu schaffen, das er sich vorgenommen hatte ...

Literatur, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, die gezeichnet ist wie ein Gemälde von einem Altmeister der Renaissance

Unterhaltung von solch einer Genialität, dass einem gleich ab dem ersten Satz ganz schwindelig wird - es gibt kaum etwas Grandioseres im CD-Regal als die Neuerscheinungen aus dem Hause Der Hörverlag. Diese bedeuten Genuss pur, machen regelrecht high und lassen den Zuhörer die Welt um sich herum vollkommen vergessen. "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust ist ein ganz großer Wurf auf dem (Hör-)Buchmarkt, definitiv ein Geniestreich, der alles andere glatt in den Schatten stellt. Das liegt vor allem an Peter Matić. Sieben Jahre lang sprach er jeden Winter mehrere Wochen lang im Studio des Rundfunks Berlin-Brandenburg Prousts Roman als vollständige, ungekürzte Lesung. Wort für Wort, Zeile für Zeile. Seine kluge, nuancierte Interpretation bringt alle Facetten des vielschichtigen Werks zum Glänzen. Wow, wow, wow!

Die Gesamtausgabe von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist jeden einzelnen Cent der knapp einhundert Euro Kaufpreis absolut wert. Hier erlebt man nämlich Hörbuchkunst auf höchstem Niveau. Sprecher Peter Matic macht die 156-stündige (oder auch 6,5-tägige) Lesung zu einem der aufregendsten Erlebnisse für die Ohren. Sein Können am Mikrofon verschlägt einem den Atem. Es gibt definitiv nichts Besseres im CD-Player. Dafür auch der tiefste Respekt an den herausgebenden Der Hörverlag. Ihm ist gelungen, was den wenigsten gelingt - nämlich eine verlegerische Großtat, die ihresgleichen sucht!

Susann Fleischer 
10.05.2021

 
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Das Buch:

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Gesamtausgabe. Aus dem Franzsischen von Eva Rechel-Mertens

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Sprecher: Peter Matic Mnchen: Der Hrverlag 2021 Spielzeit: 9375 Min., 99,00 ISBN: 978-3-8445-3921-9

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