Bildbände

The Beautiful Game vom Bökelberg

Der Ruhm Mönchengladbachs in Deutschland und Europa begründet sich vorrangig auf dem Flagschiff der Stadt, dem lokalen Fußballverein Borussia Mönchengladbach, der in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Bundesliga und die europäischen Pokalwettbewerbe im Sturm eroberte. Unangefochtener Anführer der sogenannten "Fohlen" unter Trainer Hennes Weisweiler war sicherlich Günter Netzer, der Spielmacher dieser talentierten Jahrhundertmannschaft. Der lange Blonde war Garant dafür, dass der Verein unter seiner sportlichen Führung im Mittelfeld zweimal Deutscher Meister und auch DFB-Pokalsieger wurde. In der Nationalmannschaft ist der Gewinn der Fußball-Europameisterschaft 1972 untrennbar mit dem Namen Netzers verknüpft, schließlich war er es, der im Londoner Wembleystadion aus der Tiefe des Raumes nach vorne stieß und mit dem ersten Sieg einer deutschen Nationalmannschaft gegen England auf englischem Boden Geschichte schrieb.

Auch nach seinem letzten Spiel für die Borussia, bei dem sich Netzer in der Verlängerung des DFB-Pokalfinals selbst einwechselte und das Siegtor schoss, sammelte er weitere Meriten. Im königlich-weißen Dress von Real Madrid war er drei Jahre lang Botschafter deutscher Fußballkunst in Spanien und feierte dort zwei weitere Meisterschaften und zwei Pokalsiege obendrein. In seine, sich beinahe nahtlos anschließende Managerkarriere beim Hamburger SV fiel 1983 der größte Triumph der Rothosen, als im Athener Olympiastadion der Europapokal der Landesmeister gewonnen wurde. Mediale Präsenz und Beliebtheit erlangte Netzer trotz seiner mitunter kontroversen Art in der ARD zusammen mit Gerhard Delling, die beide für ihre Berichterstattung am Spielfeldrand sogar den Grimme-Preis erhielten.

Günter Netzers Vita ist mit Geschichten und Erfolgen gepflastert, die zu viel für ein einziges Leben erscheinen. Im vergangenen Herbst feierte er seinen 80. Geburtstag und mit ein wenig zeitlichem Abstand dazu ist nun beim Werkstatt Verlag eine Hommage an Netzer und den Fußball in den Siebzigern erschienen: "Netzer - Die Siebzigerjahre" lautet der Titel des Buches von Manuel Neukirchner. Der Autor leitet als Geschäftsführer das Deutsche Fußballmusuem in Dortmund und agiert darüber hinaus mit vielen seiner Aktivitäten an der Schnittstelle zwischen Fußball und Kultur. Das vorliegende Buch ist ein Bildband garniert mit Texten und mehreren Interviews, die Neukirchner in den vergangenen sechs Jahren mit Günter Netzer geführt hat.

Nach einem kurzen Vorwort eröffnet Neukirchner mit "Thrill" den Blick auf Netzer und dessen Spielkunst. Darin geht es für bodenständige Fußballer und Fans an manchen Stellen womöglich etwas zu sehr geschwurbelt daher, doch erfährt man dabei beispielsweise die Hintergründe zu den auf immer und ewig mit Netzer verbundenen geflügelten Worten von der "Tiefe des Raumes". Sie stammen von Karl-Heinz Bohrer, einem früheren FAZ-Journalisten, der unter dem Eindruck von besagtem Spiel Netzers in Wembley diese Beschreibung für dessen aus der Tiefe des Raumes kommenden Vorstöße fand. In den weiteren vier thematisch leicht voneinander abgegrenzten Kapiteln stehen zu Beginn jeweils Interviews von Neukirchner mit Netzer und anschließend zugehörige Fotoserien. Dabei greift Neukirchner insbesondere auf das Fotomaterial von Masahide Tomikoshi, Manfred Babucke und Axel Springer jr. alias Sven Simon zurück.

"Netzer - Die Siebzigerjahre" ist eine beeindruckende Würdigung eines außergewöhnlichen Fußballers und Menschen. Doch darüber hinaus ist es auch eine Liebeserklärung an die Siebziger, eine Ära des Fußballs, die vielerorts mit "The Beautiful Game" bezeichnet wird. Es ist das Zeitalter einer Zäsur, da Fußball zunehmend telegen transportiert wurde und einige unvergleichliche Fußball-Superstars in dieser Zeit die Zuschauer verzückten. Dass hierzulande "The Beautiful Game" vor allem auf dem Gladbacher Bökelberg gespielt wurde, ist maßgeblich Günter Netzer zu verdanken, der selbst Welt- und Europameister war, aber stets betont, dass er viel mehr Vereinsspieler als Nationalspieler gewesen ist. Ein jeder Fußball-Romantiker wird unbedingt zu "Netzer - Die Siebzigerjahre" greifen, da er hierin perfekt schwelgen und träumen kann von einem Fußball, nicht nur aus einer anderen Zeit, sondern auch von einem anderen Stern.

Christoph Mahnel 
26.05.2025

 

Das Buch:

Manuel Neukirchner: Netzer - Die Siebzigerjahre

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Bielefeld: Verlag Die Werkstatt 2025 272 S., € 39,90 ISBN: 978-3-7307-0744-9

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