Bildbände
Bilder aus einer fernen Vergangenheit
Die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts waren ein buntes und bewegendes Jahrzehnt. Der Ost-West-Konflikt dominierte weite Strecken dieser Dekade, die Umweltbewegungen erfuhren einen ersten Höhepunkt, Computer und Technologie hielten Einzug in das traute Heim. Subkulturen feierten ihren Aufstieg und am Ende stand der Zusammenbruch des sogenannten Ostblocks. Für viele Best Ager bedeuten die Achtziger aber auch Kindheits- und Jugendjahre und sind verknüpft mit vielen nostalgisch verklärten Erinnerungen an die erste Videokonsole oder Klamotten zum Fremdschämen. Das Erscheinen des Bildbandes "1980er. Bilder einer Dekade" im Prestel Verlag sorgte daher natürlich vielfach für einen Reflex, dieses Werk unbedingt erstehen zu müssen.
Schon beim ersten Aufschlagen springen einem die Erinnerungen förmlich ins Gesicht. Pixelgrafiken von Computerspielen, damals angesagte Frisuren und unsägliche Modetrends prangen einem auf den ersten Seiten entgegen. Doch sogleich wird einem auch wieder bewusst, auf welchem Pulverfass sich einst der Erdball befand, wenn Bilder zu politischen Bewegungen wie Solidarność, aber auch von entscheidenden Weichenstellungen zwischen Reagan und Gorbatschow verdeutlichen, dass die Achtziger am Ende letztlich die erhitzten Gemüter abkühlten und für einen temporären Weltfrieden sorgten.
Hinter "1980er. Bilder einer Dekade" steht mit dem Fotografen und Journalisten Henry Carroll ein Kosmopolit, der bereits einige erfolgreiche Bücher und Bildbände veröffentlicht hat. Sein Werdegang von der Wiege in London hin zu seinem derzeitigen Domizil in Los Angeles steht stellvertretend für den globalen Ansatz, den sich dieses Buch auf die Fahnen geschrieben hat. Eingeteilt hat Carroll sein Werk in drei chronologisch aufeinander aufbauende Blöcke. In seinem einleitenden Vorwort verweist er auf den Einzug von Technologie Anfang der Achtziger und die allerersten Vermutungen, wohin dies führen könnte, ohne dass jemand zum damaligen Zeitpunkt die Ausbaustufen auch nur ansatzweise hätte erahnen können. Die Achtziger stehen ebenfalls für den Wandel des Frauenbildes und ihrer Rolle in der Gesellschaft. Trotz des ausgiebig gelebten Hedonismus und der retrospektiven Einordnung als Spaß-Jahrzehnt sind die Achtziger Jahre für Carroll ein Kipppunkt in der jüngeren Menschheitsgeschichte.
Henry Carroll verweist zu Beginn darauf, dass in diesem Buch jedem Leser sicherlich etwas fehlen wird, da der Blick auf ein Jahrzehnt immer ein subjektiver Blick ist und sich bei jedem unweigerlich verschiedene Schwerpunkte in seinen Erinnerungen eingebrannt haben. Der Beginn der Achtziger war durchzogen von etlichen Schüssen und Attentaten, auf John Lennon, den Papst, Ronald Reagan, aber auch auf J.R. Ewing in der Serie "Dallas". Meilensteine in der Musik- und Filmgeschichte der frühen Achtziger erfahren ihre Würdigung. Star Wars, E.T. und Michael Jacksons "Thriller" waren stilprägend. Carroll hat bei der Auswahl der Bilder darauf geachtet, Querbeziehungen zwischen Kunst, Pop, Architektur, Mode und Film herzustellen. Sein allumfassender Ansatz berücksichtigt ebenfalls verschiedene Gesellschaften, neben dem globalen Zentrum in den USA richtet er seinen Blick aber auch nach England, Spanien oder Deutschland.
In "1980er. Bilder einer Dekade" begegnet man innerhalb weniger Seiten dem Denver-Clan, Margaret Thatcher und Flashdance. Aerobic als der ultimative Sport-Trend der Achtziger, dazu Tennis-Ikonen und ein scheidender Muhammad Ali haben im Buch ihre Spuren hinterlassen, genauso wie der stilprägende Musikfernsehsender MTV. Futuristisches Denken war in den Achtzigern en vogue, die zahlreichen amerikanischen Raumfahrtmissionen haben seinerzeit eine Sehnsucht der Menschheit genährt, doch auch Katastrophen haben ihren Eingang in das vorliegende Buch gefunden. Neben der Challenger-Explosion und dem Unglück von Tschernobyl wurde damals auch das Leid hungernder Menschen in Afrika in den wohl genährten Kontinenten präsent. Mit "Live Aid" sorgte die Musikwelt für einen humanitären Meilenstein in der Menschheitsgeschichte. Alles in allem waren die Achtziger jedoch bunt und schrill, bisweilen eine einzige große Party, die in "1980er. Bilder einer Dekade" facettenreich in Szene gesetzt und gewürdigt wurde. Und ganz am Ende bröckelten Mauern und der Ost-West-Konflikt wurde zu einer Episode der Geschichte, zumindest für ein paar Jahrzehnte ...
Christoph Mahnel
07.04.2025
