Romane

Es offenbart sich Ungeheuerliches ... oder warum Gila Lustiger der Roman des Jahres gelungen ist

Zwei Jahre Recherche, ein echter Chemieskandal, das Auseinanderfallen der Zivilgesellschaft, tolle Charaktere, ein wunderbarer Schreibstil und eine kongeniale Umsetzung in Buchform machen "Die Schuld der Anderen" zu einem ganz besonderen Buch.

Marc Rappaport, so heißt der sich in seinen Vierzigern befindende Protagonist dieses Kriminalromans der zugleich viel mehr ist als das - nämlich ein Gesellschaftsroman. Marc ein angesehener Journalist, der bei einer großen Pariser Zeitung arbeitet, hat schon zahlreiche viel gerühmte Artikel geschrieben, vor allem im Bereich der Kapital- und Sexualverbrechen und der Finanzskandale. Nachdem er eine wenige Zeilen lange Meldung über einen nach 27 Jahren aufgeklärten Mordfall verfasst hat, stösst Marc bei seinen Recherchen jedoch auf einige Fragen, die er sich nicht beantworten kann und an denen exemplarisch Lustigers Stil sowie die unglaublich gelungene Verknüpfung des Themas mit den Figuren und uns als Leser aufgezeigt werden soll:

"Interessierte er sich deswegen für Neuhart," den neu entdeckten Mörder, "weil ihn das Leben, das sich dieser mit manischer Akribie zu erschaffen versucht hatte, an die Gleichförmigkeit seiner Kindheit erinnerte? Forschte er deshalb nach dem Motiv, einer Zäsur, der Bruchstelle, dem Warum? Aus welchem Grund erdrosselt ein unbescholtener junger Mensch eine Prostituierte? Wie überhaupt trifft ein erfolgreiches Escort-Girl solch einen Mann? Woher hat er das Geld, sich so eine Frau zu leisten? Und warum, warum, warum erdrosselte er sie, statt sich mit ihr zu vergnügen? Nichts, was er über Neuhart in Erfahrung gebracht hatte, ließ darauf schließen, dass er einver von diesen aufbrausenden, unbeherrschten Typen war, der eine Frau im Affekt tötete."

Daraufhin leiert er seinem Freund und Chefredakteur einige Tage aus den Rippen, die er auf die weitere Recherche an diesem Fall verwenden darf, wenn er im Gegenzug einen kleinen Artikel zu einem anderen Thema schreibt und so beginnt dieser fulminante Roman, in dessen Verlauf Marc, seinem Bauchgefühl bei der Recherchearbeit folgend, immer weiter ausgreifende Verstrickungen aufdeckt, die ihn sowohl in die französische Provinz, die Vergangenheit, die Verstrickung von Staat und Wirtschaft und schließlich zur Aufdeckung eines großen Chemieskandals leiten.

Unglaublich intelligent konstruiert lässt Lustiger Marc eine Entdeckung nach der anderen machen und ihn im Laufe des Romans Wahrheiten über selbst finden, die mit dem Fall nur bedingt zu tun haben. Innerhalb der Geschichte klären sich bis zum Schluss fast alle Fragen auf, ohne dass Lustiger dabei Antworten auf die Fragen hat, die sie stets stellt und die eindeutig über den Fall hinaus in die Gesellschaft und die mögliche aber auch beschränkte Erkenntnis derselben weisen. Dabei gelingt es ihr auf unheimlich subtile Weise auf Probleme aufmerksam zu machen, die nicht nur unterschwellig vorhanden sind und auf die unsere Gesellschaft Antworten finden sollte, wenn sie ihre Existenzberechtigung nicht verlieren will.

Wie auf den vorhandenen Antisemitismus reagieren? Wie Integrationsmöglichkeiten schaffen, die nicht die Abkehr von Diversität fordern? Wo die Grenze ziehen zwischen dem Wert und der Würde eines Menschen und der allzu willfährigen Nivelierung derselben, wenn es um das eigene Wohl oder besser gesagt die eigene Bequemlichkeit geht?

Mit all diesen Fragen beschäftigt sich Lustiger in diesem Roman, der definitiv zum Grübeln anregt und den man doch nicht aus der Hand legen kann. Ja, bei dem man sich lieber dazu entschließt, viel zu wenig zu schlafen, nur um noch zu erfahren, was als nächstes passiert, auch wenn man dafür in Kauf nehmen muss, am nächsten Tag ziemlich übermüdet aufstehen zu müssen.

Zum tollen Inhalt trägt hier für das äußerst positive Gesamtbild des Romans zudem noch die Form und damit die Aufmachung des Romans bei. Die Typografie und der Satz ermöglichten einen hohen Lesefluss. Das Buch liegt zu dem schön in der Hand und die beinahe bescheidene Farbwahl von Einband, Schriftzug und Lesebändchen passt wundervoll zusammen.

Sven Zerbes
27.04.2015

 
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Das Buch:

Gila Lustiger: Die Schuld der Anderen

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Berlin: Berlin Verlag 2015
496 S., 22,99
ISBN 978-3-8270-1227-2

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