Romane

Gesellschaftskritik oder Spiegel?

Houellebecqs Roman spielt in nicht all zu ferner Zukunft, im Frankreich des Jahres 2022. Francois, vierundvierzig jähriger, Kette rauchender und dem Alkohol nie abgeneigter Literturprofessor, spezialisiert auf Joris-Karl Huysmans, der regelmäßig kurze, maximal zwei eher ein Semester andauernde Beziehungen mit seinen Studentinnen eingeht oder auch nur mit ihnen schläft heißt sein an sozialer Atomisierung leidender Protagonist. Interessiert ist Francois eigentlich an nichts. Gefühlt besteht sein Leben nur aus zunehmenden körperlichen Gebrechen, Langeweile und dem Gefühl den Zenit schon lange überschritten zu haben. Zeitlich ist die Handlung auf etwas mehr als ein Jahr beschränkt, wobei es Houellebecq durch Rückblenden gelingt, ein umfassendes Bild von Francois zu erzeugen. Wie so oft ist es aber nicht die beschriebene Handlung die einem houellebecqscchen Roman so lesenswert macht, sondern vielmehr Houellebecqs Fähigkeit, die Mechanismen der Gesellschaft und des menschlichen Zusammenlebens schonungslos und fast wertfrei zu beschreiben, um den Leser so mit einer Form der Gesellschaftskritik zu konfrontieren, bei der er ihm einfach nur einen Spiegel vorhält.

Dieses Mal legt Houellebecq seine Finger gleich wieder in mehrere Wunden. Da wäre zum einen die schon häufiger zum Thema gemachte soziale Atomisierung, die sich in mehreren Wesenszügen Francois manifestiert. So bekommt er beispielsweise aufgrund eines längeren Urlaubs, um den Unruhen in Paris zu entgehen, nicht mit, dass seine Mutter, die er zudem seit über einer Dekade nicht gesprochen hat, verstorben ist und in einem Massengrab begraben wurde, da sich weder er noch sein Vater, der sich schon vor langer Zeit von ihr scheiden ließ und mittlerweile ein zweites Mal geheiratet hat, darum gekümmert haben. Richtige Freunde kann Francois ebenfalls nicht sein eigen nennen und bezeichnend ist wohl auch, dass eine seiner Studentinnen, mit der er eine Beziehung hatte, nach einem Treffen mit ihm, dass sie vorzeitig beendet, weil sich die beiden über Nichtigkeiten in die Haare bekommen haben und in dem Francois Desinteresse und merkwürdigen Einstellungen offenbar werden, den Satz fallen lässt: "Schade, echt schade, dass es mit dir so weit gekommen ist, Francois".

Weitere Wunde sind das mangelnde Interesse der westlichen Gesellschaften an ihren eigenen Werten, die Unfähigkeit zu handeln oder, um es salopp zu sagen, den Arsch hoch zu kriegen, wenn es um etwas geht, dass vor allem an Francois selbst und seinem Umfeld beschrieben wird; die (vermeintliche) Islamisierung, die sich im Wesentlichen dadurch ergibt, dass es den Anhängern des Islam im Gegensatz zu den Anhängern der "westlichen Zivilisation" gelingt, für ihre Werte einzustehen; die Berichterstattung der Medien, die ihrer Aufgabe unvoreingenommener oder gar aufklärender Berichterstattung überhaupt nicht nachkommen; so wie viele kleine Themengebiete, die Houellebecq gleichsam im Vorbeigehen streift und Ihnen ihre Grenzen aufzeigt.
Es hat mir als Magister einer Geisteswissenschaft schier den Atem genommen, wenn Houellebecq auf einer halben Seite fast all jene Probleme aufwirft, die sich aus dem Studium bzw. eher der Zeit danach ergeben und die Funktionsmechanismen des Universitären Betriebs offenlegt ohne, wie er selbst schreibt, je an einer Universität studiert zu haben.

Befasst man sich mit der Wirkung des Romans und liest sich die unterschiedlichen Rezensionen oder Kaufempfehlungen in diversen Onlineportalen und -shops durch, stellt man schnell fest, dass Houellebecqs größte Stärke, nämlich dem Leser beinahe wertfrei und ungefiltert ein Szenario vor Augen zu führen, das dazu zwingt, sich mit den Themen auseinanderzusetzen und einen Blick in den Spiegel zu werfen, zugleich dazu führt, dass er als zu oberflächlich oder nicht radikal genug verschrien oder missverstanden wird. Die Vereinnahmung seiner durch diverse Gruppierungen, erinnert ein wenig an jene, die auch Nietzsche wiederfuhr, wobei er genau wie jener aufzeigt, wie lächerlich diese Vereinnahmung gesamtgesellschaftlich daher kommt und somit ein weiteres Mal einen Finger in eine Wunde legt, über die man nur allzugerne hinwegsehen möchte.

Insgesamt ist Houellebecq wieder einmal ein toller Roman gelungen, den man unbedingt lesen sollte, wenn man nicht abgeneigt ist und sich traut, einen Blick in den Spiegel zu riskieren.

Sven Zerbes
23.03.2015

 
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Das Buch:

Michel Houellebecq: Unterwerfung. Aus dem Franzsischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek

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Kln: Dumont 2015
272 S., 22,99
ISBN 978-3-8321-9795-7

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