Romane

Fantastisch-diskursiver Knstlerroman

Hauptfigur ist Joznah Frenni, der - nach eigener Aussage - "Theater macht": Er rezitiert, spielt, erzählt. Mit einem Zylinderhut auf dem Kopf inszeniert er Erlebnisstadttouren durch das alte Berlin und trägt dabei klassische Dramen vor. Eines Nachts lernt er auf dem Heimweg Gotthart kennen. Die Begegnung könnte nicht kontrastreicher sein: Während Joznah, früh verwaist, aber als Erbe reich geworden, Lamborghini fährt und ein exklusives Penthouse bewohnt, führt der umweltbewusste Maler Gotthart ein alternatives Leben, sieht sich als Anwalt der Vögel und Bäume. Der frühere Kunststudent Karl gesellt sich als Dritter im Bunde zu ihnen; seine Tierliebe kennt keine Grenzen, besonders, wenn es um seinen zotteligen Esel Friedrich und den vom Leben ramponierten Kater, den "Zähen Burschen" geht.

In ihrer kleinen Künstlerkolonie hinter Köpenick diskutieren und philosophieren die drei Freunde, bis sie zu ihrer eigentlichen Mission aufbrechen: Mit einem Marsch nach Moskau wollen sie die Welt kraft der Liebe retten - zumindest für den Zaren Kasimir sehen sie in der Angelegenheit noch Hoffnung.

Nach etlichen Abenteuern und manch ausgefallener Reisebekanntschaft erreicht die kuriose Gesellschaft fünf Monate später zu Fuß das Ziel ihrer Expedition ...

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Lehner stellt mit ihrem Romanhelden Joznah Frenni nicht bloß einen Schauspieler dar; dank der zahlreichen Zitate werden seine Darbietungen für den Leser zu regelrechten Liveauftritten. Auch ist "Der fliegende Frenni" nicht nur Titel des Romans; er benennt ebenso jenes Bild, das Gotthart für seinen Freund malt und ihm in Verbundenheit schenkt. Diese unmittelbare Greifbarkeit und Erlebnistiefe ist es, die das Werk in erster Linie auszeichnet.

Daneben überzeugt aber auch der systematische inhaltliche Aufbau; bei aller Komplexität wird Konsequenz gewahrt: Die Charaktere werden eingeführt, beschrieben, zusammengebracht. Trotz gemeinsamer Handlungsstränge behält jede Figur Raum für sich.

Eine tadellose Sprache schließlich erhöht die Freude am Lesen.

Doch Lehner besticht nicht nur mit der Zeichnung der Charaktere, der Schlüssigkeit der Handlung oder mit ihrer Sprache, sie erreicht das höchste Ziel schriftstellerischen Könnens und schafft Atmosphäre. Dem Leser eröffnet sich eine Erzählwelt, in die er einsteigt, zu der er eine Beziehung aufbaut und von der er sich nur ungern trennt. Ein Roman zum Wiederlesen ist entstanden.

Die Figuren selber sind allesamt im Künstlermileu angesiedelt, und so kreisen auch ihre intensiven Diskussionen verständlicherweise um Schauspiel, Literatur, Malerei und Musik. "Die wahre Kunst [aber] ist die Lebenskunst, diejenige, die Neues schafft, diejenige, die dem Leben dient!", lautet Lehners Fazit, mit dem die Thematik textintern zu Ende geführt wird.

Immer wieder überraschen daneben Szenen, die den Leser in ihrer Schönheit schlichtweg gefangen nehmen - Impressionen, wie man sie aus der großen Literatur kennt. Genannt sei hier nur die magisch schöne Nacht auf dem Roten Platz.

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Karoline Lehner hat als Romanautorin alle Register gezogen und keine Mühen gescheut; schon jetzt hat sie sich dadurch mit ihrem Werk ganz vorne platziert.

Hugo Meyer
08.12.2014


Die Lesung im Deutschen Literaturfernsehen finden Sie hier.

 
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Das Buch:

Karoline Lehner: Der fliegende Frenni

Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag
308 S., 21,80
ISBN: 978-3-8372-1508-3

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