Romane

Frontallappenschaden

Frederik und Mia Halling leben ein scheinbar glückliches Familienleben. Zusammen mit Sohn Niklas wohnen sie in einer ansprechenden Gegend, Mia arbeitet als Lehrerin und Frederik ist Rektor einer angesehenen Privatschule. Zwar gab es bereits in der Vergangenheit einige Auffälligkeiten und Ungereimtheiten in der Ehe der Hallings, doch wurde der Familie von der Heftigkeit der tickenden Zeitbombe in Frederiks Gehirn schlichtweg der Boden unter den Füßen weggezogen. Im gemeinsamen Urlaub auf Mallorca beginnt Frederik auf abschüssiger Straße sich wie ein Wahnsinniger in einen Rausch zu fahren, der zwar mit einem glimpflichen Unfall, aber einem in sich zusammenbrechenden Frederik endet.

Wie sich bei den darauf eingeleiteten Untersuchungen herausstellt, leidet Frederik unter einem Gehirntumor. Die Schädigungen an den Frontallappen haben weitreichende Auswirkungen auf Frederiks Verhalten, ja schließlich auf sein ganzes Wesen. Durch den Wegfall seines empathischen Vermögens wird aus Frederik letztlich ein Pflegefall. Die Familie schlingert vollends ins Chaos, als herauskommt, dass Frederik in seiner Rolle als Rektor der Saxtorphschule waghalsige Finanzgeschäfte vorgenommen hatte, die seine Schule scheinbar unwiderruflich in den finanziellen Ruin getrieben haben. Zur seelischen Belastung der Hallings kommt nun auch noch eine existenzielle hinzu. Hat Frederik bereits zum Zeitpunkt besagter Finanzgeschäfte an einem Gehirntumor gelitten? Hat dieser ihn etwa derart irrational handeln lassen?

Der dänische Schriftsteller Christian Jungersen hat mit "Du verschwindest" seinen dritten Roman vorgelegt und dabei ein sehr bemerkenswertes Gedankenexperiment in Belletristik gegossen. Er erzählt die Geschichte der Hallings aus Mias Perspektive, der sich von nun an vor allem eine Frage stellt, nämlich inwieweit Frederik noch derselbe Frederik ist, in den sie sich vor vielen Jahren verliebt hat. Die äußere Hülle Frederiks mag zwar immer noch dieselbe sein, doch kann sie das völlig veränderte Wesen immer noch lieben? Die Störungen in Frederiks Persönlichkeit sind immens. Seine Frau und die Freundin des Sohnes bedroht oder beschimpft er derart, dass sich die Familie in drei individuelle Inseln aufzulösen droht.

Dem Autor gelingt es vortrefflich, die verschiedenen Erzählebenen dieser Geschichte miteinander zu verweben. Da wären zum einen die existenzielle Tragödie der Familie sowie der innere Kampf in Mia, sich zwischen ihrem Mann und ihrem eigenen Leben zu entscheiden, und zum anderen die juristischen Fragestellungen rund um Frederiks Schuldfähigkeit. Hierzu schiebt Jungersen an einigen Stellen im Buch Exkurse ein, in denen der Leser Einblicke in die aktuelle Gehirnforschung erhält. Von großer Bedeutung für Frederiks anstehende Gerichtsverhandlung ist dabei vor allem das "Iowa Gambling Task", ein Experiment zur Simulation von Entscheidungsprozessen bei gesunden sowie bei orbitofrontal geschädigten Menschen, das nachweist, dass jemand wie Frederik deutlich riskantere Strategien in Alltagssituationen verfolgt als normale Menschen.

"Du verschwindest" ist beileibe kein gewöhnlicher Roman. Wer auf dem breiten Büchermarkt gerne Ausschau nach Werken hält, die er in ähnlicher Ausführung nicht schon viele Male gelesen hat, der ist bei Christian Jungersen an der richtigen Stelle. Sein neuestes Werk liefert viele interessante Denkanstöße, insbesondere sein Blick in die Zukunft, wenn sich Gehirnforschung und Neurophilosophie weiterentwickelt haben werden. Wie wird man dann auf das heutige Zeitalter zurückblicken, wo man neuronale Defizite fast ausschließlich noch mit anderweitigen Interpretationen versieht? Auch wenn der Spannungsbogen des Romans ein wenig zu kurz kommt, lässt sich für die erfrischende Inspiration von "Du verschwindest" eine klare Leseempfehlung aussprechen.

Christoph Mahnel
14.07.2014

 
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Das Buch:

Christian Jungersen: Du verschwindest

Mnchen: btb Verlag 2014
480 S., 19,99
ISBN: 978-3-442-75396-3

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