Romane

Schmutzige Idylle

Es gibt diese Bücher, die einem das Herz öffnen, positive Gefühle schenken und Lebensfreude vermitteln. "Dreck" von David Vann gehört definitiv nicht zu diesen Büchern. 

Der Protagonist Galen ist 22 Jahre alt und wohnt mit seiner Mutter Suzie-Q auf einer Walnussplantage im Umland von Los Angeles. Die beiden leben recht abgeschieden. Die Mutter bemüht sich, schürzetragend und krampfhaft, mit Dingen wie selbst gemachter Limonade und dem Pflegen alter Familientraditionen die Idylle und den Schein von Normalität zu wahren. Galen rebelliert gegen all ihre Versuche und torpediert all ihre Rituale. Er ist ein Einzelgänger, beseelt von der religiösen Hoffnung, dass er bald vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburten erlöst wird.

Nahrungsaufnahme ist ihm lästig, Freunde hat er wahrscheinlich nie gehabt. Er sieht sich kurz vor der Erlösung und möchte sich frei machen von allen menschlichen Bedürfnissen und Bindungen. Doch bisher landete Galen am Ende seiner Transzendenz-Versuche stets im Dreck. Manchmal nicht ohne Komik.

So ist er sich einmal sicher, über Wasser gehen zu können. "Galen ekstatisch, seine Seele durchdrungen von Liebe. Sein Fuß auf der Oberfläche kalt, der Atem des Wassers, das war in Ordnung, es geschah, doch dann sackte sein Fuß ein." Wunder gibt es in dieser Geschichte nicht. Galen scheitert und stürzt ins Wasser. "Er hustete, stolperte und fiel wieder, sein Knöchel verstaucht, zu schwierig darauf zu stehen, also setzte er sich auf den Po und zog sich mit den Armen rückwärts ans Ufer. Er kroch aus dem Wasser und legte sich auf den Boden, sein Körper im Dreck. Verdammt, sagte er. Wann ist es endlich so weit?"

Der zweite Schwerpunkt in Galens Leben liegt im Masturbieren. Das Objekt seiner Begierde ist, wohl durch Ermangelung anderer Kontakte, seine siebzehnjährige Cousine Jennifer.

Suzie-Q verheimlicht ihrem Sohn, dass sie ein Vermögen auf der Bank hat und täuscht Geldmangel vor, damit Galen bei ihr bleibt. So verschieben sich Jahr für Jahr Galens Pläne, ein Studium zu beginnen. Und er sieht für sich keine andere Perspektive, als bei seiner Mutter auf der einsam gelegenen Plantage wohnen zu bleiben, zusammen mit der Hitze und dem Dreck.

Wahrscheinlich, um die Tradition und die Idylle zu pflegen, unternehmen Suzie-Q, Galen, seine demente Großmutter, Jennifer und ihre Mutter Helen einen Ausflug in das familieneigene Wochenendhaus. Die Stimmung untereinander ist alles andere als harmonisch. Doch als Suzie-Q ihren Sohn dabei erwischt, wie er Sex mit seiner minderjährigen Cousine hat, beginnt die Situation endgültig zu eskalieren.

Die Handlung reduziert sich auf wenige Personen und auf noch weniger Orte. Auch die Sätze sind oft reduziert und lassen Verben aus. Zahlreiche Thriller bringen es fertig positiver zu stimmen als diese knapp 300 Seiten lange Geschichte. Doch im letzten Drittel vermag auch "Dreck" den Puls des Lesers genauso auf Trab zu halten wie ein spannender Roman. Der Kampf zwischen Mutter und Sohn ist zwar oft leise, aber dennoch intensiv. Die Hitze und der Dreck sind beinahe greifbar und David Vann vermittelt eindringlich die Stimmung.

Jennifer Mettenborg
22.07.2013

 
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Das Buch:

David Vann: Dreck. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2013
296 S., 19,95
ISBN: 978-3-518-42367-7

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