Romane

Wenn sich ein goldenes Zeitalter als goldene Hlle entpuppt

Im Jahr 2013 ist eingetreten, was viele jahrelang prophezeit haben - nur ein wenig fr?her als erwartet. China ist zur dominierenden Wirtschafts- und Kulturmacht aufgestiegen und hat somit mehr oder weniger die Rolle der USA ?bernommen. Durch geschickte Wirtschaftspolitik ist es dem Land der Mitte gelungen, aus der globalen Krise von 2008, die die gesamte westliche Welt an den Rand des ?konomischen Kollapses f?hrte, gest?rkt hervorzugehen. China genie?t nun bisher ungekannten Wohlstand und hat sich aufgrund seiner starken Wirtschaftskraft auch weitestgehend von seiner Abh?ngigkeit von der westlichen Welt befreit. Genug "Konsum-Power" bewirkt, dass das Land nicht mehr auf die Produktion von Exportg?tern angewiesen ist, und es hat es so zu einer geradezu beneidenswert autarken Situation gebracht.

Zu mehr Demokratie und Freiheit hat all dies allerdings nicht gef?hrt und manchmal scheint es so, als seien die Methoden des "sozialistischen Einparteiensystems" noch schlimmer geworden. Doch angesichts des nun angebrochenen "Goldenen Zeitalters" kann man doch nicht alles haben, oder? Dies empfindet jedenfalls der 50-j?hrige Schriftsteller Cheng. Und auch seinen Freunden und Gesch?ftskontakten, die zum gro?en Teil der intellektuellen Elite angeh?ren, scheint es ?hnlich zu gehen. Doch manchmal beginnt Cheng zu zweifeln, ob der anscheinend stetig wachsende Kontrollhunger der Partei und ihrer Unzahl an karrieres?chtigen Ja-Sagern all dies tats?chlich wert ist. Haupts?chlich verantwortlich hierf?r ist die mysteri?s-unnahbare Wei Xihong, genannt Xiaoxi, in die Cheng sich schon zu seiner Studienzeit verliebte, und die nun fast drei?ig Jahre sp?ter wieder in sein Leben tritt. Als Cheng ihr durch puren Zufall zum ersten Mal seit Jahren wieder begegnet, f?hlt sie sich verfolgt und scheint in Aktivit?ten verwickelt zu sein, die man in der kommunistischen Partei nicht gerne sieht. Und was hat es mit dem geheimnisvollen "verschwundenen Monat" auf sich, von dem man hinter vorgehaltener Hand munkelt? Schlie?lich kommen Chen und Xiaoxi einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur, das sie nie f?r m?glich gehalten h?tten ...

Dass der chinesische Journalist und Autor Chan Koonchung mit "Die fetten Jahre" ein brandhei?es Thema aufgreift, d?rfte niemandem verborgen bleiben. Der zunehmende weltweite Einfluss des Reichs der Mitte ist ?berall zu sp?ren und die Tatsache, dass wir unsere Zukunft in die H?nde eines Einparteienstaats legen, dessen Menschenrechtspolitik mehr als umstritten ist, sorgt vielerorts f?r skeptische Reaktionen. Und dass auch Koonchung zu besagten Skeptikern geh?rt, ist unschwer zu erkennen. Je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr entpuppt sich seine Zukunftsvision von auf den ersten Blick paradiesischen Zust?nden in China als zynische Dystopie. Die Unmenschlichkeiten, zu denen die Regierung der selbsternannten Volksrepublik f?hig ist, scheinen schier unglaublich, w?hrend ihre karrierebesessenen "Sch?tzlinge" all dem ungeachtet zombiegleich ihrer ?ber alle Ma?en geliebten Selbstverwirklichung nachgehen.

All dies bietet sich dem Leser in ebenso k?hl-knapper wie pr?ziser Sprache, die es dennoch versteht, knisternde Spannung zu erzeugen und dem Leser nur St?ck f?r St?ck die Wahrheit zu offenbaren, das sich hinter dem neuen, nahezu gespenstisch gl?cklichen China verbirgt. Zudem entpuppt sich der g?tig-zaghafte Chen als bemerkenswert liebevoll gestalteter Protagonist, der es jedem Leser ein Leichtes machen wird, sich mit ihm zu identifizieren und mit ihm zusammen das Geheimnis des neuen goldenen Zeitalters zu l?ften. Ein absoluter Tipp f?r Fans tiefgr?ndig-mitrei?ender Zukunftsvisionen und keinesfalls nur f?r die China-Skeptiker unter uns. 

Johannes Schaack 
19.09.2011

 
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Das Buch:

Chan Koonchung: Die fetten Jahre. Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling

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Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2011
298 S., 19,95
ISBN: 978-3-8218-6143-2

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