Romane

Literarischer (Eis-)Hammer als Eisbrecher

Unentwegt sucht die geheimnisvolle Sekte "Ljod" (russisch f?r Eis) nach blonden und blau?ugigen Personen. Diesen wird mit einem Eishammer der Brustkorb aufgeklopft, um ihr Herz zum Sprechen zu bringen. Auserw?hlte werden dann in die Bruderschaft aufgenommen und erfahren eine neue, harmonische Form des Seins. Die anderen, sogenannte "hohle N?sse", werden schwer verletzt oder tot zur?ckgelassen. Doch die Opfer berichten von ihren Schicksalen ?ber das Internet und scheinen sich organisieren zu k?nnen. Aber die Bruderschaft ist schon fast am Ziel angelangt: Durch eine gigantische Zeremonie der 23000 Anh?nger soll die verdorbene Erde ausgel?scht werden, w?hrend sie selbst als Strahlen k?rperlos in die Ewigkeit eingehen. 

"23000" ist der finale Band der sogenannten Ljod-Trilogie, die Vladimir Sorokin mit "LJOD - Das Eis" begann und mit "BRO" fortsetzte. Die Kenntnis der ersten beiden Teile ist zwar nicht unbedingt f?r das Verst?ndnis von "23000" notwendig, verhilft aber zu tieferen Einblicken und weiteren Einsichten. Der regimekritische Schriftsteller und studierte Chemiker, der wiederholt Anfeindungen und Zensurversuchen ausgesetzt war, gilt derzeit als einer der Hauptvertreter der russischen Postmoderne.

Auf den ersten Blick ist Vladimir Sorokins Werk ein spannender Endzeitroman mit einigen ?berraschenden Wendungen. Doch wie bei einem Eisberg verbirgt sich noch einiges mehr unter der Oberfl?che. Virtuos wechselt der Autor immer wieder Genre und Perspektive. Zun?chst scheint "23000" ein Actionthriller zu sein, sp?ter gesellschaftskritischer und dann apokalyptischer Roman. Dabei wird das Geschehen aus den Blickwinkeln von verschiedenen Sektenmitgliedern, Gejagten sowie Gefangenen geschildert, wobei Sorokin jedem Individuum einen eigenen und ?berzeugenden Sprachduktus verleiht.

An einigen wenigen Stellen ist "23000" deshalb recht anstrengend zu lesen, etwa wenn seitenlang nur schwer verst?ndliche Gedankeng?nge eines offensichtlich geistig Kranken dargestellt werden, bei denen zudem absichtlich gegen orthografische und grammatikalische Regeln versto?en wird. Doch genau das ist Vladimir Sorokins typischer Mimikry-Stil durch den sein Werk innerfiktionale Glaubw?rdigkeit erh?lt. Diese wird noch intensiviert, indem die erdachte Handlung wie ein Puzzleteil mit realen Ereignissen - wie der r?tselhaften Explosion in Tunguska im Jahr 1908 oder dem Wahn der Nationalsozialisten nach blonden und blau?ugigen Herrenmenschen - verbunden wird. Wenn normale Personen aus dem Blickwinkel der Auserw?hlten geschildert werden, erscheinen diese als fremdartige "Fleischmaschinen", die sich irrational verhalten. Durch solche Darstellungen wird der Gesellschaft der (Zerr-)spiegel vorgehalten. Gleichzeitig lassen sich andere Teile des Romans aber umgekehrt auch als satirische Abrechnungen mit Heilsvorstellungen und Paradiessehns?chten interpretieren.

Genau diese Vielfalt an heterogenen Sichtweisen macht neben der Sprachartistik des Autors, die ?bersetzer Andreas Tretner hervorragend aus dem Russischen ins Deutsche ?bertragen hat, einen besonderen Reiz des Buches aus. Da ?berrascht es wenig, dass Tretner bereits 2001 den Paul-Celan-Preis f?r herausragende ?bersetzungen erhalten hat. Bis ?ber das Ende des Romans bleibt eine Aura des Geheimnisvollen erhalten, die auch die Entscheidung des Autors mit einschlie?t, das letzte Kapitel von dem der russischen Originalausgabe abweichen zu lassen, wie auf der letzten Seite zu lesen ist. Franz Kafka hat einmal gefordert, dass ein Buch die Axt f?r das gefrorene Meer in uns sein m?sse. In einigen Passagen gelingt es "23000" eine solche Axt - oder ein Eishammer - zu sein und das Eis zu brechen.

Ingo Gatzer
21.06.2010

 
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Das Buch:

Vladimir Sorokin: 23000. Aus dem Russischen von Andreas Tretner

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Berlin: Berlin Verlag 2010
331 S., 24,00
ISBN 978-3-8270-0701-8

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