Romane

Konventionen und Moral: Ein Leben ohne Leidenschaft

Ein gewöhnlicher Sommer Ende der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts: In dem beschaulichen Ort Rathmoye in der irischen Einöde macht sich die Trägheit und Ruhe der aufkommenden Hitze breit. Mitten in diese Ereignislosigkeit platzt ein unbekannter junger Mann, der auf der Beerdigung der alten Mrs. Connulty Fotos macht. Für die neugierigen und gelangweilten Bewohner des kleinen Ortes wird Florian Kilderry, der im Nachbarort weilt, um dort den Besitz seiner verstorbenen Eltern aufzulösen, schnell zum Gegenstand ihrer täglichen Tratschgespräche. Für eine Person jedoch wird er mehr als nur das: Die junge Bauersfrau Ellie Dillahan ist von seiner geheimnisvollen Ausstrahlung völlig in seinen Bann gezogen. 

Entgegen ihrer strengen katholischen Erziehung beginnt die Verheiratete ein Verhältnis mit dem ungebundenen Florian, der für sie all das verkörpert, das sie bisher in ihrem Leben nicht kennengelernt hat. Die Ehe mit ihrem Mann, zu dem sie ursprünglich als Magd auf den Hof kam, ist zwar voller Respekt und Zuneigung füreinander, aber ohne jede Leidenschaft und romantische Liebe. Bei den heimlichen Treffen mit Florian genießt sie ungekannte Zärtlichkeit und Leidenschaft, auch wenn beide wissen, dass der Sommer viel zu schnell enden wird und damit auch ihre Romanze. Florians Aufenthalt in Rathmoye ist begrenzt, da er nach dem Verkauf des Anwesens nach Skandinavien auswandern will.

Florian und Ellie sind jedoch nicht die einzigen in Rathmoye, die ein Geheimnis haben. Auch die Tochter der verstorbenen Mrs. Connulty blickt auf ihre eigene Vergangenheit nicht ohne Reue und Schuldgefühle zurück. Die von ihr nicht unbemerkt gebliebene Romanze zwischen dem Ortsfremden und der Bauersfrau lässt sie wehmütig an ihre jungen Jahre und ihre große Liebe denken. Ein weiterer Einzelgänger und Außenseiter in dem kleinen Ort ist der ehemalige Bibliotheksgehilfe Orpen Wren, der verwirrt durch die Straßen läuft und seinem früheren Leben nachtrauert. 

William Trevors Spezialität – Außenseiter, Exzentriker und melancholische Einzelgänger – kommt auch in seinem 24. Roman wieder zum Tragen. Er ist kein Autor der großen und expliziten Erklärungen, sondern vielmehr der leisen Zwischentöne. Oftmals ist es nötig, eine Passage noch einmal zu lesen, um die Andeutungen und die tief in den Charakteren begrabenen Gefühle zu verstehen und zu entdecken. Dies fördert auch beim Lesen die Langsamkeit und Unaufgeregtheit, die die Atmosphäre des Romans ausmachen. 

Sabine Mahnel
09.11.2009

 
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Das Buch:

William Trevor: Liebe und Sommer. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

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Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 2009
223 S., 20,00
ISBN: 978-3-455-40201-8

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