Romane

Wie schwer wiegt die Wahrheit?

Im Alten Ägypten lebte man nach dem Glauben, dass alle guten und bösen Taten für immer und ewig im Herzen eines Menschen eingeschrieben waren. Nach dem Tod wurde das Herz des Verstorbenen auf eine Waagschale gelegt, die Feder der Wahrheit auf die andere. Nur wenn beides gleich schwer war, stand dem Verstorbenen das ewige Leben offen. In Jane Thynnes neuem Roman "Das Wiegen des Herzens" spielt eine alte Goldstatue aus dem Grab des Tutanchamun, die genau diese Szene des Wiegens darstellt, eine zentrale Rolle.

London in den 1920ern. Iris Barrington, Tochter eines steinreichen Industriellen, führt ein Leben im goldenen Käfig. Sie hat den frühen Tod ihrer Mutter und ihres geliebten Bruders nie richtig verkraftet und leidet unter dem Nichtstun, das ihr die Frauenrolle der 20er Jahre auferlegt. Bis sie sich ganz ihrer Rolle als Ehefrau widmen kann, verbringt sie ihre Zeit mit oberflächlichen Beziehungen und Freundschaften. Die Ruhe und Eintönigkeit ihres Lebens endet, als Samuel Dux in ihr Leben und Haus eintritt. Ihr Vater hat diesen jungen Mann, der jahrelang in Ägypten zusammen mit Howard Carter bei Ausgrabungen gearbeitet hat, eingestellt, um sein neues Geschäftshaus im Zentrum Londons im ägyptischen Stil einrichten zu lassen. 

Die zunächst so offensichtliche Ablehnung Iris' gegenüber Samuel ändert sich ziemlich abrupt, als eine ihrer oberflächlichen Liebschaften ihr einen Heiratsantrag macht und sie sich bewusst wird, dass sie solch eine Beziehung nie eingehen könnte. Doch ihre neu entdeckte Liebe zu Samuel steht unter keinem guten Stern: Ihr Vater weiß, dass Samuel im Besitz der wertvollen herzwiegenden Goldstatue ist, die er aus dem Grab des Tutanchamun gestohlen hat. Er gewährt ihm die Hand seiner Tochter nur, wenn Samuel ihm die Statue überlässt. Samuel muss sich seiner Vergangenheit stellen und erneut nach Ägypten reisen. Wird sein Herz bei der letzten Prüfung genauso viel wiegen wie die Feder der Wahrheit?

Jane Thynnes Roman über die Goldenen Zwanziger und die Besessenheit der Engländer mit allem Ägyptischen fehlt anfangs der gewisse Funke, der den Leser immer wieder interessiert die nächste Seite umblättern lässt, aber nachdem sie ihren Charaktere im weiteren Verlauf mehr Tiefe verliehen hat, nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Auch wenn Iris' plötzlicher Sinneswandel im Bezug auf Samuel zunächst ein wenig aus dem Blauen heraus zu kommen scheint, bringt er den Stein ins Rollen, und die Geschichte um Samuels ägyptisches Geheimnis beginnt spannend zu werden. Jane Thynne, die Ehefrau des Krimiautors Philip Kerr, hat mit ihrem dritten Roman einen unterhaltsamen Gesellschaftsroman geschaffen, der nicht nur Iris' und Samuels Schicksal, sondern auch die gesellschaftliche Rolle der Frauen zwischen den beiden Kriegen porträtiert.

Sabine Mahnel
16.03.2009

 
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Das Buch:

Jane Thynne: Das Wiegen des Herzens. Aus dem Englischen von Edith Walter

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Mnchen: Page & Turner Verlag 2009
384 S., 17,95
ISBN: 978-3-442-20340-6

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