Romane

"Großmutters Schuhe" - zu großes Erbe

Familienfeste und -zusammenkünfte sind nicht immer für alle Beteiligten ein Quell der Freude und des Zusammengehörigkeitsgefühls. Wie auch in "Großmutters Schuhe" treffen beschrieben, sind Familientreffen oft nur Pflichtveranstaltungen, die die unterschiedlichsten Gefühle in diesen blutsverwandten Menschen hervorrufen und möglicherweise in einem Debakel enden.

In Renate Welsh’ neuem Roman ist von Anfang an klar, dass sich die Beteiligten nur zusammenfinden, weil sie es müssen. Sie haben nämlich soeben ihr 93-jähriges Familienoberhaupt, Edith Karmann, begraben und sitzen nun beim Leichenschmaus. Von der besten Freundin bis zur Urenkelin der Verstorbenen haben sich alle eingefunden und hängen ihren eigenen Gedanken nach.

Die Gedanken der Trauergäste offenbaren ein vielschichtiges Bild der Verstorbenen: Für die einen war sie Vorbild, Vertraute, für die anderen war sie schlichtweg ein Alptraum. Ihre eigene Tochter attestiert ihr unverblümt: "Als Mutter warst du eine Katastrophe. Mich jedenfalls hast du gequält und verbogen." Ihr Enkel Raffael muss sich eingestehen, dass ohne "Dittaoma" die Familie keine Familie mehr ist: "Wie sollen wir jetzt überhaupt noch Weihnachten feiern?"

In der Generation der Urenkel macht sich eine gewisse Familienverdrossenheit breit. Ediths 21-jährige Urenkelin Patricia formuliert ganz pragmatisch: "Familie ist doch nur notwendig jenseits von Mögen, von Einverständnis, von Sympathie. Familie ist immer trotzdem, nicht weil das so nette Menschen sind." In der schwierigen Konstellation von vier Generationen, zu einem Treffen gezwungen durch den Tod der Matriarchin, braut sich in der kurzen Zeit ihrer Zusammenkunft Unheilvolles zusammen. Zwischen den Zeilen standen schon von Anfang an die Zeichen auf Sturm - aber gerade diese Stürme und das Überstehen derselben sind die Faktoren, die letztendlich eine Familie ausmachen - egal, ob man die Familie als solches schätzt oder nicht.

Die 1937 geborene Wienerin Renate Welsh ist nicht nur als Schriftstellerin für Erwachsenenliteratur bekannt, sondern vor allem auch für ihre Kinder- und Jugendbücher, insbesondere den Kinderbuchklassiker "Das Vamperl". Mit "Großmutters Schuhe" ist ihr ein Familienporträt von beeindruckendem Tiefgang gelungen, das gerade das verstorbene Familienmitglied lebendiger als alle lebenden Verwandten erscheinen lässt.

Sabine Mahnel
03.11.2008

 
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Das Buch:

Renate Welsh: Großmutters Schuhe

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München: dtv 2008
197 S., € 12,90
ISBN: 978-3-423-24695-8

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