Romane

Die letzten Jahre der DDR

Es war am 9. November des Jahres 1989. Ein Wendepunkt in der Geschichte Deutschlands. Die Grenze der Deutschen Demokratischen Republik wurde nach Westen hin geöffnet und die Ost- und die Westdeutschen bildeten - 28 Jahre nach Erbauung der Berliner Mauer (und 40 Jahre nach Gründung des ostdeutschen Staates) – wieder eine nationale Einheit. Doch das Leben in der ehemaligen DDR bleibt auch knapp zwanzig Jahre später ein viel diskutiertes Thema, dessen sich Uwe Tellkamp in seinem Roman "Der Turm" annimmt.

Ort der Handlung ist das bürgerliche Villenviertel „Weißer Hirsch“ in Dresden in den Jahren 1982 bis 1989, dem Abend des Mauerfalls. Das Viertel zeichnet sich durch exotische Bezeichnungen der Häuser wie "Karavelle", "Tausendaugenhaus" oder "Abendstern" aus. Die Bewohner dieses Stadtteils, die auch "Türmer" genannt werden, sind gut situierte Menschen, die ihr Leben in dem kommunistischen Staat so gut wie möglich bestreiten.

Da ist der Arzt Richard Hoffmann, der aufgrund seiner aus einer Liaison hervorgegangenen Tochter erpresst wird, seine nächsten Angehörigen, Kollegen und Nachbarn zu bespitzeln. Oder sein Schwager Meno Rohde, der im Dresdner Hermes Verlag tätig ist und eher als Zensor denn als Lektor bezeichnet werden sollte. Zudem hat er als ein in Russland Geborener Zugang zum sogenannten "Ostrom", in dem die Nomenklatura der Republik lebt. Und dann gibt es noch den Sohn des Arztes, Christian. Er möchte später einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten und ein berühmter Forscher werden. Dafür muss er sich aber drei Jahre in der Nationalen Volksarmee verpflichten, in der er mit der vollen Härte des Systems konfrontiert wird. Er sieht sich nach einem Vorfall vor Gericht wieder und wird zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt.

Neben diesen drei Hauptpersonen ist das Buch mit allerlei skurrilen Akteuren angereichert; da gibt es die Schriftstellerin Judith Schevola, Altenberg und Eschschloraque, die ihre Meinungen bezüglich des Druckes seitens des Staates in ihrer Literatur vertreten und damit rechnen müssen, zensiert oder sogar überhaupt nicht veröffentlicht zu werden.

Alles beginnt an einem kalten Dezemberabend des Jahres 1982, als der in einem Internat lebende Christian Hoffmann zu seiner Familie anlässlich des 50. Geburtstages seines Vaters Richard nach Hause fährt. Bei dem Fest werden Witze über die Lage des Landes und die der Sowjetunion gerissen. Doch man muss aufpassen, denn nicht jeder ist mit der Situation unzufrieden, sondern stattdessen ein überzeugter Parteigänger. Es ist dann besser, seine Meinung nicht zu deutlich zu offenbaren, sondern lieber im Verborgenen, Privaten seine Kritik zu äußern.

Im Laufe der Jahre nimmt die Klage über den desolaten Zustand der DDR mehr und mehr zu. So ist ein vernünftiges Arbeiten im Krankenhaus nicht möglich, da sowohl Medikamente als auch für Operationen dringend notwendige Geräte fehlen. Von Stromausfällen ganz zu schweigen. Die Bürokratie, die einem Steine in den Weg legt. Oder die Nationale Volksarmee als ein System, in dem die Gewaltherrschaft den Ton angibt. Die Älteren und Stärkeren unterdrücken die vermeintlich Schwächeren. Christian muss durch harte Lektionen lernen, dass es nicht immer das Beste ist, seine Meinung kundzutun.

Doch alle Geschehnisse laufen auf einen einzigen Tag zu: den 9. November 1989. An dem Tag ist die Freiheit möglich, von der man zuvor nur träumen konnte.

Uwe Tellkamp bekam für "Der Turm" den „Deutschen Buchpreis 2008“ als besten Roman - und dies nicht ohne Grund, denn mit einer epischen Sprachgewalt baut Tellkamp Bilder vor dem Leser auf, die den täglichen Kampf in der Republik plastisch und eindrücklich schildern. Es werden dramatische Situationen geschildert, die das Leben einer ganzen Familie grundlegend beeinflussen. Tellkamp verliert sich teils in der detailgetreuen Wiedergabe von Plätzen, Gegenständen und Ereignissen, die an einigen Stellen ein wenig zu ausführlich geraten und aus diesem Grunde ermüdend wirken können.

Diejenigen, die den Osten selbst erlebt haben, werden viele Situationen erkennen und andere mit ihren eigenen Erinnerungen ergänzen, sortieren oder revidieren. Für die westdeutsche Bevölkerung kann das Buch als gute Grundlage dienen, um die Bewohner der neuen Bundesländer besser zu verstehen und ihre damalige Lebensweise nachzuvollziehen. Es dient als Dokument einer Zeit, die angereichert ist mit Gegensätzen aus Unterdrückung versus Unabhängigkeit, Anpassung versus Widerstand, Utopie versus Realität.

Susann Fleischer
27.10.2008

 
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Das Buch:

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land

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Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
976 S., 24,80
ISBN: 978-3-518-42020-1

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