Romane

Listig , liebenswert

Wer den kolumbianischen Schriftsteller Fernando Vallejo nicht kennt, muss sich nicht schämen. Zum wiederholten Male ist zu sagen: Schade! Und zu sagen ist auch: Schön! Denn, es ist Einiges nachzuholen. Vallejo zu lesen, ist immer ein Vergnügen. Das wissen seine deutschsprachigen Leser, denen jetzt ein Buch nachgereicht wird. Der 1942 Geborene, der in Mexiko lebt, hat es vor Jahrzehnten geschrieben. Gab’s 1985, als das Original erschien, keinen Grund für die Übersetzung? Auch ein Autor muss entdeckt werden! In seiner Heimat. In seiner Sprache. Auf anderen Kontinenten. In anderen Sprachen.

Den Deutschsprachigen, die Vallejo bereits entdeckt haben, werden nun „Blaue Tage“ angeboten. Ein Buch, das „Eine Kindheit in Medellín“ erzählt. Jeder Informierte wird sofort aufhorchen. Medellín? Ist das nicht? Ja, das ist die kolumbianische Drogenhauptstadt, die man heute meint zu kennen. Das ist nicht die Geburtsstadt Vallejos, wie sie in den vierziger, fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war. Ohnehin ist die Stadt nur bedingt die der kindlichen Erlebniswelt des Fernando gewesen. Kolumbien war und ist mehr als Medellín. Obwohl man sich die Haare raufen könnte, wenn man liest, was der Lateinamerikaner über die gesellschaftliche Machenschaften in den Tagen seiner Kindheit berichtet. Was ein halbes Jahrhundert Vergangenheit ist, ist voller Vergleichbarkeit. Die Gegenwart ist nicht weit genug weg von der Vergangenheit. Kein Grund zum Verzweifeln. Nicht für den Verfasser. Nicht für seine Leser. Vallejo zeigt, dass Goethes idealistischer Anspruch „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ ein idealer Anspruch ist, den das irdische Menschlein gehörig auf die Probe stellt und dabei überfordert. Vallejo macht keinen Menschen schöner. Auch keinen der Familie. Weder mit den vielen Geschwistern, der Mama, dem Papa und zumindest mit einem Großvater und einer Großmutter hat er nicht das schlechteste Los gezogen. Weil seine Familie ganz und gar nicht eine großer Gegensätze und der sich daraus ergebenen Gehässigkeiten ist, haben alle Trennungen, Täuschungen, letztendlich, eher etwas Gemütvolles, Gemeinschaftliches. Grässliche Tragödien finden nicht statt. Die Familie lebt nicht schlecht. Sie lebte mit Verve. Sie lebt, wie Bürger leben. Im Rahmen der Gesetze des Landes und gemäß der Rituale der Familientradition. Nicht selten ist an Isabel Allendes Familienchronik „Das Geisterhaus“ zu denken. Auch bei Fernando Vallejo ist die Familie die kleinste Zelle der Gesellschaft. Also eine Welt des Liberalismus und des Konservatismus, der Gier und Geister. Eine Welt, die für das Kind dann eine Katastrophe ist, solange es sich den Fängen der Kleriker ausgesetzt fühlt. Die möchte der Verfasser allesamt im Höllenfeuer schmoren sehen und formuliert so radikale fromme Wünsche nicht nur, wenn er von Priestern spricht. Dennoch ist Vallejo kein Radikaler. Nicht mal einer, der sich mit radikalen Worten rächen will für persönlich erlittene Unbill. Der Kategorismus, der ihn zwingt, Kolumbien ein „Land der Diebe“ zu nennen, ist der Hassliebe für das Land der Eltern geschuldet. Die Hassliebe machte ihn zum fortgesetzten Lästerer, der zu Hause schnell als Nestbeschmutzer verschien war. Kann der tatsächliche ein Radikaler, Rücksichtsloser, gar ein Revolutionär sein, der sagt: „Meine Großmutter hatte recht. Das Fernsehen ist ein Rückschritt, ein gewaltiger Blödsinn“.

Fernando Vallejo macht sich mit List an die Geschichten des Lebens und erzählt in seinen Kindheitsgeschichten viel, viel von den Lastern des Lebens der Erwachsenen. Die Leser kommen nicht mit einem Lächeln davon. Wieder und wieder werden sie lauthals lachen müssen. Der Schriftsteller weiß wie liebenswert-listig das Leben ist. Überall. Allzeit. Und Fernando Vallejo erzählt auf übertriebene Weise vom Listig-Liebenswerten. Zum allgemeinen Vergnügen.

Bernd Heimberger
08.09.2008

 
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Das Buch:

Fernando Vallejo: Blaue Tage. Eine Kindheit in Medellin. Aus dem Spanischen von Elke Wehr

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Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
222 S., 22,80
ISBN: 978-3-518-42018-8

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