Romane

Tubaspielen in Berlin

Kaum ist Sven Regeners drittes Frank-Lehmann-Buch erschienen, vermelden seriöse Feuilletons bereits den Abschluss einer Trilogie, der sogenannten Lehmann-Trilogie. Die Zeit wird zeigen, ob der Begriff der Trilogie als eines aus drei Teilen bestehenden und inhaltlich zusammengehörenden literarischen Werks auf Dauer Bestand haben wird für die Kapriolen in der Gedankenwelt des Frank Lehmann.

Sven Regener, Jahrgang 1961 und Gründer der Berliner Band "Element of Crime", hatte anno 2001 mit "Herr Lehmann" einen grandiosen Überraschungserfolg auf dem deutschen Buchmarkt gefeiert, so dass den Gesetzen des Markts folgend zwei Jahre später eine Verfilmung von Leander Haußmann in den Kinos lief. Während "Herr Lehmann" im Berlin der Novembertage vor dem Mauerfall 1989 angesiedelt ist, hat sich Sven Regener im Sequel "Neue Vahr Süd" (2004) die Jahre der ausgehenden Jugend Frank Lehmanns vorgenommen: eine triste Bremer Neubausiedlung im Jahre 1980, als im deutschen Fernsehen Onko-Werbung lief und Frank Lehmann zur Bundeswehr eingezogen wurde. Das Buch endet nach dem erfolgreichen Ausstieg Franks aus der Bundeswehr mitten auf der Autobahn nach Berlin.

Genau hier setzt auch "Der kleine Bruder" an und schildert – nicht mehr und nicht weniger - die ersten beiden Tage Frank Lehmanns in Berlin, wo er auf der Suche nach seinem großen Bruder einen Neustart im damals noch isolierten Westteil der heutigen Hauptstadt versucht: Sven Regener als Berlins Antwort auf James Joyce’s Ulysses und Frank Lehmann in den Fußstapfen des Leopold Bloom? Der Vergleich scheint gewagt, doch wird der Leser in „Der kleine Bruder“ auch weniger von den eigentlichen Geschehnissen im Bann gehalten, sondern mehr von dessen gedanklichen und tatsächlichen Irrgängen.

Dass – wie schon in "Herr Lehmann" –  grundsätzlich nichts passiert, stört aber kaum, denn Regener vermittelt Stimmungen und ein Lebensgefühl. Dieses Lebensgefühl lässt die Protagonisten in den Tag hineinleben, abstruse und wirre Gedankengänge ad extremum diskutieren und ist beheimatet in der Kreuzberger Welt der Wohngemeinschaften, besetzten Häuser und Punker-Szene zu Beginn der Achtziger. Damit ist nicht nur „Der kleiner Bruder“, sondern auch die gesamte Lehmann-Trilogie ein Stück Zeitgeschichte aus dem letzten Jahrzehnt der geteilten Bundesrepublik Deutschland, so sind z.B. sich schwierig gestaltende Kommunikation ohne Mobiltelefone und Desorientierung in einer Großstadt ob fehlender entsprechender und immer verfügbarer Informationssysteme wichtige Bestandteile im Verlauf des Buches.

Der Leser nimmt aus diesem Buch keine fesselnde Geschichte mit, sondern vor allem Lebensweisheiten à la Frank Lehmann und seiner Freunde: "In Berlin wohnen ist wie Tubaspielen: Hauptsache, du pupst ordentlich rum!". Inwieweit diese Gedanken bereits einst im Kreuzberger Umfeld Sven Regeners geboren wurden, bleibt unbekannt. Zwar betont er, dass es sich um kein autobiographisches Werk handelt, Frank Lehmann aber definitiv doch Züge Regeners besitzt, der schließlich ebenfalls als gebürtiger Bremer in den Achtzigern nach Berlin gegangen ist.

Obwohl "Der kleine Bruder" aufgrund seiner Kürze nicht ganz mit "Neue Vahr Süd" und "Herr Lehmann" mithalten kann, ist es als Abschluss der Lehmann-Trilogie ein ganz klares Muss für jeden, der zuvor bereits mit Frank Lehmann in Bremer und Berliner Kneipen umhergezogen war: "Und das ist was für’s Leben: Trink immer, solange du noch kannst. Man weiß nie, ob später nicht was dazwischenkommt."

Christoph Mahnel
08.09.2008

 
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Das Buch:

Sven Regener: Der kleine Bruder

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Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2008
281 S., 19,95
ISBN: 978-3-8218-0744-7

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