Romane
Literatur, die zu Tränen rührt; einfach nur zum Niederknien schön
Nürnberg, November 1938, wenige Stunden vor der Reichspogromnacht: An einem schicksalhaften Abend ändert sich für die junge Lisavet alles. Um ihr Leben zu retten, versteckt ihr Vater, ein bekannter Uhrmacher, sie in einer riesigen Bibliothek, die unabhängig von Raum und Zeit existiert und in der alle menschlichen Erinnerungen in Büchern gespeichert sind. Nur wenige wissen von diesem besonderen Ort und Zeithüter entscheiden darüber, welche Erinnerungen an die Vergangenheit erhalten oder unwiederbringlich ausgelöscht werden. Als ihr Vater nicht zurückkehrt, beginnt Lisavet, die Erinnerungen, die die Welt vergessen soll, in ihrem eigenen Buch zu sammeln. So vergehen Tage, Woche, Monate und schließlich Jahre. Lisavet hindert die Zeithüter immer wieder in ihrer Arbeit, indem sie so manche Erinnerung vom dem Vergessen rettet.
Bis ihr eines Tages einer auf die Schliche kommt. Ernest ist der erste Mensch, mit dem Lisavet seit einer halben Ewigkeit Kontakt hat. Die beiden reden über Kunst und Kultur, über das Weltgeschehen und über Geschichte(n). Je mehr Zeit sie miteinander verbringen, umso besser lernen sie sich kennen und kommen sich schließlich näher. Sie verlieben sich ineinander. Doch Ernests Zeit in der Bibliothek ist begrenzt. Er muss zurück in sein reales Leben. Lisavet wünscht sich nichts sehnliches, als ihm zu folgen, kann es aber nicht. Denn dann wäre ihr Schicksal besiegelt. Und es wäre ganz sicher kein Schönes.
Einige Jahrzehnte später folgt Amelia ihrem Großvater Ernest als Zeithüterin, der unter mysteriösen Umständen verstorben ist. Geführt wird sie von Moira, die mehr als ein Geheimnis hütet. Dass eines davon mit Amelia verbunden ist, davon ahnt die junge Frau (noch) nichts. Sie lässt sich, zumindest anfangs, als Spielball benutzen. Dabei ist Amelia selbst auf der Suche, nämlich auf der nach Antworten. Sie glaubt nicht an die Gerüchte um ihrer Großvater. Angeblich soll der sein Vaterland verraten haben und durch die Kugel eines russischen Agenten ermordet worden sein. Dass Amelia dem mutmaßlichen Täter begegnet, bringt ihre Gefühlswelt komplett durcheinander. Denn nichts ist, wie sie zu denken glaubt. Die Wahrheit erscheint als dunkler, tiefer Abgrund, in den Amelia hineinzustürzen droht und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden ...
Historienunterhaltung zum Staunen, zum Mitfiebern, zum Begeistern - es müsste unbedingt viel mehr Schriftsteller*innen vom Talent einer Hayley Gelfuso geben. Dann wäre die Welt endlich eine Bessere. Das Können der US-Amerikanerin verdient eigentlich nur Superlative. Oder ein einfaches, wenn auch ehrfürchtiges Chapeau! Ihr Erstling "Das Buch der verlorenen Stunden" haut einen glatt vom Hocker. Hier erfährt man einen Genuss par excellence. Definitiv nicht zu übertreffen. Deshalb sollte man diese Lektüre auch hüten wie den wertvollsten Schatz in seinem Leben. Diese besitzt die Magie von "Die Bücherdiebin", die Emotionalität von "Solange wir leben" und die sprachliche Eleganz eines Lucinda-Rikey- oder Matt-Haig-Romans. Kein Wunder also, dass man sich davon regelrecht schwindelig fühlt. Eben Belletristik von allerhöchster Qualität!
Kaum etwas im Bücherregal berauscht einen dermaßen wie die Geschichten von Hayley Gelfuso. Mit diesen erfährt man Erzählkunst zum Niederknien schön; gemacht für die ganz große Hollywood-Kinoleinwand. Es braucht nur wenige Sätze von "Das Buch der verlorenen Stunden", und es verschlägt einem den Atem, sogar die Sprache. Über solch eine Lektüre vergisst man die Welt vollkommen um sich herum. Unter den Neuerscheinungen 2025 gibt es damit nichts Vergleichbares. Ohne jeden Zweifel ein Geniestreich, das Wunder eines Debütromans!
Susann Fleischer
17.11.2025
