Romane

Ein Roman wie ein perfekter Negroni: bitter, stechend und glücklich machend

Florence Grimes, 31 Jahre alt, Amerikanerin, gescheitertes Mitglied einer Girlband, Ex-Partygirl, Chaotin durch und durch und zudem chronisch pleite, ist alleinerziehende Mutter des zehnjährigen Dylan und lebt in London zwischen poshen Müttern der Upperclass, bei denen sie nicht nur wegen ihrer lauten Art und ihres eigenwilligen Kleidungsstils immer wieder aneckt. Stets wählt sie den leichtesten Weg. Wäre da nicht ihr Sohn, würde sie die meiste Zeit des Tages im Bett verbringen, am liebsten mit der Decke über den Kopf. Doch dann bricht eine Katastrophe in Florence' bisher einigermaßen ruhiges Leben: Dylans Mitschüler Alfie, seines Zeichens Schulmobber Nr. eins mit Dylan als Lieblingsopfer und Erbe eines Tiefkühlimperiums, verschwindet bei einer Exkursion und Dylan wird zum Hauptverdächtigen.

Florence steht vor einer Aufgabe, den Namen ihres Sohnes reinzuwaschen, um ihn nicht zu verlieren. Das Problem: Ihr Verdacht, dass Dylan vielleicht doch nicht so unschuldig ist, wie sie gerne glauben würde. Warum sonst hätte sie ausgerechnet Alfies Schulrucksack (inkl. Emotionstagebuch mit all seinen Verfehlungen) unter Dylans Bett finden sollen? Florence beschließt, sich auf die Suche nach Antworten zu begeben. Wenn auch leichter gesagt bzw. gedacht, als tatsächlich getan. Zum Glück (oder Pech?) ist Zwillings-Mutter Jenny mit von der Partie, die ihr Geld als Anwältin für besonders schwierige Fälle verdient. Zu zweit ermittelt es sich um einiges besser. Blöd nur, wenn man nicht mit offenen Karten spielt. Und noch schlechter, wenn man schwer depressiv ist und Mühe hat, seinen Alltag zu bewältigen ...

Unterhaltung, die alles ist, aber ganz sicher nicht nullachtfünfzehn und/oder langweilig - um Schwung in den Alltag zu bringen, sollte man unbedingt ein Buch von Sarah Harman lesen. Der Erstling der Wahl-Britin "All the Other Mothers Hate Me" haut ein wie eine Bombe. Der Roman wurde nach einer großen Rechteauktion in 17 Länder verkauft, sie gewann den Lucy Cavendish Fiction Prize und wurde von Publishers Weekly zu einer der zehn wichtigsten Autorinnen des Frühjahrs 2025 gekürt. Und das vollkommen zu Recht! Hier erfährt man eine Lektüre mit dem Suchtfaktor von Drogen. Es dauert nur wenige Sätze, und man fühlt sich regelrecht high von derartig grandioser Belletristik. Und das auch noch Stunden nach dem Schlusspunkt! Also einfach nur der Wahnsinn. Unschlagbar-genialst! Ein Geniestreich ohnegleichen!

Ein Debüt wie Sarah Harmans "All the Other Mothers Hate Me" hat es schon länger, viel zu lange nicht mehr auf dem Literaturmarkt gegeben. Mit umso größerem Vergnügen liest man die knapp 500 Buchseiten und fühlt sich ob solch eines Genusses ganz schwindelig. Als hätte man ein, zwei Gläser Negroni intus. Diese Lektüre ist so herrlich anders, definitiv nicht Mainstream. Und deshalb absolut Pflicht in jedem Bücherregal!

Susann Fleischer 
20.10.2025

 

Das Buch:

Sarah Harman: All the Other Mothers Hate Me. Aus dem Englischen von Leena Flegler

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München: Blanvalet Verlag 2025 464 S., € 23,00 ISBN: 978-3-7645-0948-4

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