Romane

Eine der groen Entdeckungen unter den Romanen des Sommers 2018

Ein kleiner Junge an einem Schulvormittag in der Pausenhalle. Er dreht sich im Kreis und sagt sich: Ich bin der König von Lilienfeld. Es ist das Jahr 1980, sieben Jahre ist er alt. Sein Großvater amtiert seit knapp dreißig Jahren als Bürgermeister.

"Die unsichtbaren Seiten", der neue Roman von Martin Prinz, beginnt in einer Welt, in der an manchen Hausfassaden noch Einschusslöcher aus dem Weltkrieg klaffen, setzt ein mit dem Blick eines Buben, der das Wort Politik lange kannte, bevor er es verstand. Hier treffen nächtliche Parallelwelten des Lesens auf Vorstellungen von radioaktiven Wolken oder jenen des Eisernen Vorhangs. In rasanter Engführung wechseln Jetztzeit-Passagen des heutigen Schriftstellers mit dem Aufwachsen eines Kindes in Österreich und Umgebung.

Außerdem werden die wichtigsten Fragen des Lebens beantwortet: Wie lässt sich das unauflösliche Ineinander von Politik und Familie, von realen Ereignissen und ihrer Erzählung in Balance halten? Wie der Blick eines Schriftstellers mit dem eines früheren Königs von Lilienfeld?

Im Haus der Großeltern entdeckt Prinz Bilder aus dem Jahr 1995: Aufnahmen, in denen es keine Motive mehr gibt. Stattdessen das Festhalten alltäglicher, zufälliger Perspektiven. Die letzten Fotografien des demenzkranken Großvaters. Damit ist der Weg des Erzählens vorgegeben.

Lesegenuss mit umwerfender Wirkung - die wenigsten Schriftsteller schreiben so meisterlich-brillant wie Martin Prinz. Von seinen Geschichten geht eine ungeheure Sogwirkung aus, der man sich partout nicht entziehen kann. "Die unsichtbaren Seiten" liest man wie im Rausch. Die Story gibt das Leben des österreichischen Autors, vor allem dessen Kindheit, auf poetischste Art und Weise wieder. Man verliert sich vollkommen in den Schilderungen und Erinnerungen von Prinz und vergisst über diese alles um sich herum. Wer eher etwas Ungewöhnlicheres lesen möchte, sollte unbedingt zu dem vorliegenden Buch greifen. Es lohnt eine Entdeckung!

Ob solch grandioser Erzählkunst wie der aus Martin Prinz´ Feder ist man ganz sprach- und atemlos. Während der Lektüre seiner Romane wird einem nach nur wenigen Sätzen ganz schwindelig vor lauter schönstem Leseglück. "Die unsichtbaren Seiten" bedeutet Unterhaltung zum Niederknien gut. Literarisch besonders wertvoll!

Susann Fleischer
04.06.2018

 
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Das Buch:

Martin Prinz: Die unsichtbaren Seiten

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Berlin: Insel Verlag 2018
221 S., 22,00
ISBN: 978-3-458-17740-1

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