Romane

Ein literarisches Mahnmal wider das Vergessen

Auschwitz, September 1944: Die zwölfjährigen Perle und Stasia werden zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Großvater aus dem Ghetto in Lódz ins Konzentrationslager deportiert. Den beiden Mädchen steht ein grausames Schicksal bevor. Denn sie sind eineiige Zwillinge und ziehen die Aufmerksamkeit des Arztes Dr. Josef Mengele auf sich. Sie werden in den sogenannten "Zoo" gesteckt, wo man an ihnen Menschenversuche durchführt. Stasia zum Beispiel wird kochendes Wasser in ein Ohr geschüttet, sodass sie danach schwerhörig ist. Um die Experimente Mengeles zu ertragen, flüchten sich die Schwestern in magische Welten, sie erfinden Spiele und schmeicheln sich bei ihrem Peiniger ein. Heimlich, in Gedanken, schmiedet Stasia Rachepläne an Mengele und das Aufsichtspersonal.

Eines Tages verschwindet Perle plötzlich spurlos. Stasias Gedanken sind in der Folge darauf konzentriert, was wohl mit ihrer Schwester passiert ist und wann sie zurückkommt. Stasia empfindet sich ohne Perle an ihrer Seite als halbwertig. Sie verkriecht sich einem Krautfass und schreibt Perle Briefe, welche sie nie lesen wird, oder?! Als die Rote Armee näher rückt, treibt die SS Tausende KZ-Häftlinge, darunter Stasia und Feliks, ein weiteres Opfer Mengeles, zu einem Todesmarsch aus dem Lager. Dabei gelingt es den beiden, sich unbemerkt abzusetzen. Frierend und hungernd schlagen sie sich durch die winterliche Landschaft. Sie ahnen nicht, dass Perle in Wahrheit noch immer im Lager ist. Sie musste wochenlang in einem engen Käfig ausharren, in den sie Mengele gesperrt hatte.

Getrennt voneinander und in der Annahme, ihre jeweilige Schwester sei nicht mehr am Leben, gelangen Stasia und Perle als Kriegsflüchtlinge nach Warschau bzw. Krakau. Dort sind sie anderen Gefahren ausgesetzt. Und Stasia und Perle müssen sich endlich der Realität stellen: Ihre Mutter und ihr Großvater sind tot, ihr Vater vermutlich auch. Und sie beide werden sich wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen, Trotzdem bleibt wenigstens der Hauch einer Hoffnung, wie ein Silberstreif am Horizont ...

Ein Meisterwerk der Emotionen - die Romane von Affinity Konar bedeuten ganz großes Gefühlskino zwischen zwei Buchdeckeln. "Mischling" lässt niemanden kalt. Die US-amerikanische Autorin gibt anonymen Schicksalen ein Gesicht. Und sie hält das Erinnern an die Gräueltaten des Nationalsozialisten wach. Auf das solch ein Verbrechen niemals wieder geschieht. Konar schreibt trotz all der Grausamkeit herzzerreißend schön. Die Bücher aus ihrer Feder sind poetische Glanzstücke der Literatur. Diese vermögen sogar, Leben zu verändern. Ihre Worte hallen noch lange im Herzen nach und machen es schwer. Nach nur wenigen Sätzen droht es einem glatt zu brechen. Noch viele Tage nach dem Weglegen des vorliegenden Buches quälen einem Alpträume ob der Geschehnisse um Perle und Stasia.

Mit "Mischling" gelingt Affinity Konar ein Leseerlebnis von großer Intensität und Emotionalität. Die Geschichte zeugt von ganz hoher Erzählkunst und von großer Hoffnung. Sie bringt einem den Schrecken des Holocaust näher, so wie sonst nur noch "Schindlers Liste". Solch gnadenlos brillante Unterhaltung findet man nur bei wenigen anderen Schriftstellern. Absolut herausragend und durch und durch schockierend! Prädikat: künstlerisch besonders wertvoll!

Susann Fleischer
25.09.2017

 
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Das Buch:

Affinity Konar: Mischling. Aus dem Englischen von Barbara Schaden

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Mnchen: Carl Hanser Verlag 2017
368 S., 24,00
ISBN: 978-3-446-25646-0

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